Der Gebrochene Krug7 Eylül 2026

Maßstäbe für eine geradlinige Auslegung der Religion

Der Versuch, das Leben aus der Zeit der Glückseligkeit (ʿAṣr es-Saʿāde) Wort für Wort und Millimeter für Millimeter in die heutige Zeit zu übertragen und völlig unverändert eins zu eins anzuwenden, kann nicht nur zu Konflikten führen, sondern auch dem Geist der Religion zuwiderlaufen.

Was stattdessen getan werden muss, ist, die grundlegende Philosophie der Sunna gründlich zu begreifen und ausgehend von den Spielräumen, die die Religion offengelassen hat, Lösungen für heutige Probleme zu finden, die den Erfordernissen unserer Zeit und den gegenwärtigen Umständen entsprechen.

Betrachtet man die Prophetenbiografie (Sīra) unter diesem Blickwinkel, lassen sich aus der Kriegs- und Friedensstrategie des Gesandten Gottes (F.s.m.i), seinen Methoden der Rechtleitung und Verkündigung, seinem Staats- und Führungsverständnis sowie seinen Rechts- und Urteilspraktiken äußerst wichtige Grundsätze und Prinzipien für die Gegenwart ableiten.

Es besteht kein Zweifel daran, dass wir über universelle Werte verfügen. Entscheidend ist jedoch, diese im Einklang mit der gegenwärtigen Konjunktur zu interpretieren. Das Leben, das wir heute führen möchten, mag in der Vergangenheit bereits gelebt worden sein – wenn auch auf einer anderen Ebene. Wer jedoch die damalige und die heutige Ausrichtung nicht genau voneinander abgrenzt und die Unterschiede zwischen ihnen ignoriert, wird das Ersehnte nicht verwirklichen können.

Wir dürfen nicht vergessen, dass neue Formen und Formate erforderlich sind und manche vor uns liegenden, fertigen Lösungsansätze neu überdacht werden müssen. Dennoch muss man sich auch darüber im Klaren sein, dass die Interpretation des uns hinterlassenen Erbes und der grundlegenden Disziplinen gemäß den aktuellen Bedingungen keine einfache Aufgabe ist und hierbei große Fehler gemacht werden.

Besonders dort, wo versucht wird, Probleme durch persönliche Initiativen zu lösen, und wo subjektive Erwägungen im Vordergrund stehen, kommt es häufig zu Irrtümern. Der Weg, mögliche Fehlentscheidungen auf ein Minimum zu reduzieren, besteht darin, diese Angelegenheit der Beratung eines Gremiums zu übergeben. Denn erst durch den Gedankenaustausch tritt die Wahrheit zutage.

In der heutigen Welt, in der das Leben zusehends komplexer wird, ist es unmöglich, alles zu wissen. Bisweilen kann unser Blickwinkel eingeschränkt bleiben und wir können die Geschehnisse nicht aus einer weiten Perspektive betrachten. Es kann sein, dass wir nicht über ausreichendes Wissen bezüglich aller Details unseres Fachbereichs verfügen. Darüber hinaus können wir uns mitunter in unserem Ego, unseren Wünschen und Sehnsüchten verfangen. Wir können den Dingen womöglich nicht mit der Logik des Korans begegnen und jede Frage, mit der wir uns befassen, nicht an den unfehlbaren Maßstäben vom Koran und der Sunna messen. Was uns vernünftig erscheint und wir als Gemeinwohl (Maṣlaḥa) erachten, kann eine verworfene Nützlichkeit (Maṣlaḥa el-Merdūde) sein – also Aspekte, die zwar von manchen als nützlich angesehen werden, von der Religion jedoch nicht als zulässiges Wohl anerkannt sind. Aus diesem Grund können wir Urteile fällen, die dem Geist der Religion zuwiderlaufen.

Der Weg, all diesen Gefahren zu entgehen, führt über die Aktivierung des kollektiven Bewusstseins. Selbst bei Angelegenheiten, von denen er glaubt, sie allein bewältigen zu können, muss der Mensch Entscheidungen unbedingt in Beratung mit anderen treffen. Wenn wir unsere Entscheidungen und Ansichten durch den Filter der Beratung laufen lassen und unsere persönlichen Erwägungen an den Blickwinkeln anderer ausrichten, genau dann können wir den richtigen Ton und Ausdruck finden.

So hat auch unser Prophet (F.s.mi) erklärt, dass derjenige, der Beratung sucht, weder Enttäuschung noch Verlust erleiden wird.[i]

Andererseits muss man bei der Behandlung religiöser Fragen wissen, an der Stelle innezuhalten, an der die Gefährten des Propheten und die frühen rechtschaffenen Gelehrten  (Selef eṣ-Ṣāliḥīn) stehen geblieben sind. Selbst wenn wir in auslegungsfähigen Bereichen unsere eigenen Ansichten darlegen und diese zeitgemäß interpretieren, müssen wir darauf achten, die eindeutigen Bestimmungen (Muḥkemāt) der Religion nicht zu verletzen. Die gedanklichen und intellektuellen Anstrengungen zur Lösung aktueller Probleme dürfen uns nicht dazu verleiten, den edlen Gefährten und den frühen Gelehrten gegenüber Respektlosigkeit zu zeigen. Denn sobald man einmal den Faden verliert, ist nicht vorherzusehen, wo das Ganze endet. Wenn wir heute damit beginnen, die Gefährten infrage zu stellen, können wir morgen – Gott bewahre – die Anmaßung begehen, den Stolz der Menschheit (Friede und Segen seien auf ihm) wie einen Postboten zu betrachten. Die Sache kann sogar noch weitergehen und sich bis auf den Koran erstrecken. So gibt es heute nicht wenige, die den Koran als rein historischen Text betrachten, ihn als ein Buch ansehen, das lediglich an das Verständnis der Menschen vor vierzehn Jahrhunderten gerichtet war, und aus diesem Grund versuchen, viele seiner eindeutigen Bestimmungen (Muḥkemāt) zu ändern.

Gewohnheiten, Luxus, Fantasien sowie das Bestreben, sich durch ein andersartiges Auftreten selbst zu verwirklichen, können Menschen zu marginalen Ansichten verleiten, die dem Geist des Korans zuwiderlaufen. Ebenso können das Erachten des von der modernen Welt aufgezwungenen Lebensstils als unabänderlich, die Annahme, vom Ursprung abgewichene Praktiken ließen sich nicht mehr auf den rechten Pfad zurückführen, oder die Überzeugung, aufgegebene Werte könnten der Gesellschaft nicht mehr vermittelt werden, als weitere Gründe für solche Abweichungen und Irrwege angesehen werden.

Hinter einer solchen Denkweise können Gründe wie der fehlende gebührende Glaube an Gottes Beistand und Fürsorge sowie ein mangelndes Vertrauen in die eigenen Werte und die geglaubten Wahrheiten liegen. Dabei kann uns in dieser Hinsicht das Vorbild des Gesandten Gottes (F.s.m.i) vollkommen genügen; denn er (F.s.m.i) konnte aus der Gesellschaft, in der Unrecht und Barbarei aller Art herrschten, eine Gemeinschaft formen, die Verstand und Herzen läutert, und er (F.s.m.i) konnte unwissende sowie ungebildete Menschen zu Lehrern der Zivilisation erheben.

Wenn wir glauben, die Probleme ließen sich allein durch unseren eigenen Einsatz und unsere Anstrengungen lösen, und den Weg zu einer neuen Wiedererweckung auf unsere eigene Kraft und Macht beschränkt sehen, befinden wir uns in einem großen Irrtum. Unsere Aufgabe ist es, unsere Pflicht zu erfüllen und uns nicht in das Wirken der göttlichen Herrschaft (Scheʾn er-Rubūbīyye) einzumischen. Nachdem wir unsere Verantwortung wahrgenommen haben, müssen wir uns auf die Kraft der Wahrheit stützen und an die zusätzlichen Zuwendungen Gottes glauben. Der erhabene Gott, der seine Macht und Kraft durch sein atemberaubendes Walten und Handeln im Universum offenbart, kann auch unsere bescheidenen Bemühungen mit Segen schenken und uns dort unter die Arme greifen, wo wir unzulänglich sind.

Unter diesem Gesichtspunkt dürfen wir nicht mit den Wahrheiten spielen, indem wir auf unsere eigene Hilflosigkeit und Schwäche blicken. Ebenso wenig dürfen wir uns von den Werten entfernen, die wir besitzen, nur um mit dem modernen Leben Schritt zu halten. Wir müssen an die Kraft des Korans glauben und ihm vertrauen. Es wäre ein Irrweg, seine Bestimmungen in dem Glauben zu verfälschen, dadurch Lösungen für die Probleme finden zu können, mit denen wir konfrontiert sind.

Man darf nicht vergessen, dass es weder bei guten Taten und dem jenseitigen Lohn noch bei dem Fehler und der Sünde etwas im Grunde Kleines gibt. Wie es im Hadith heißt, können Dinge, die wir für gering erachten, wie etwa das Anlächeln eines Menschen oder das Beseitigen eines Hindernisses vom Weg, Mittel zu unserer Errettung sein.[ii] Ebenso können uns zahlreiche kleine Fehler, die wir auf die leichte Schulter nehmen, zu Fall bringen. Ob eine Sache gering oder bedeutend ist, muss man auch an ihrem Ergebnis messen. Manchmal kann ein kleiner Winkel im Zentrum an der Peripherie eine riesige Distanz bewirken.

Wie es sich beim Vorfall um das Verlassen des Bogenschützenhügels in Uhud zeigt, kann eine Fehlentscheidung vielen Menschen das Leben kosten. Der Fehler weniger Abenteurer kann für eine Gemeinschaft unbewältigbare Probleme nach sich ziehen. Wie in diesen Beispielen können auch Fehler von Personen, die sich in der Position befinden, die Religion zu verstehen und auszulegen, zu Abweichungen führen, die nur schwer wiedergutzumachen sind.

In solchen Angelegenheiten sind die Herangehensweise, die Haltung und das Verhalten von Menschen, die der Gesellschaft Orientierung bieten und eine Führungsrolle einnehmen, von entscheidender Bedeutung. Schreiten sie auf dem rechten Weg voran, folgen ihnen die Nachfolgenden auf eben dieser geraden Linie. Begehen die Vorangehenden jedoch Fehler, bleiben diese nicht auf sie beschränkt, sondern verallgemeinern sich und wachsen an.

Leider liegt eine der wesentlichen Ursachen der heutigen Probleme darin, dass einige der führenden Persönlichkeiten der Verantwortung ihrer Position nicht gerecht werden und nicht ihrer Rolle entsprechend zu denken vermögen. Wenn die gedanklichen Abweichungen dieser Führungspersönlichkeiten die Basis erreichen, können sie große Verheerungen anrichten. Aus diesem Grund ist ein ausgewogenes und rechtes Denken und Handeln gerade bei den vorangehenden Personen von höchster Wichtigkeit.

[i] Taberānī, el-Muʿdjem el-Ewsat, Hadith Nr. 6627

[ii] Tirmidhī, el-Birr we eṣ-Ṣila, 36, Hadith Nr. 1956; Muslim, el-Birr we eṣ-Ṣila, 128, Hadith Nr. 2617