Zwietracht und die Haltung Abels

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„Wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, so werde ich doch nicht meine Hand nach dir ausstrecken, um dich zu töten. Wahrlich ich fürchte Gott, den Herrn der Welten“ (El-Māʾide, 5:28). Wie sollte man sich im Lichte dieses Verses angesichts von Ungerechtigkeiten und Diffamierungen verhalten? Wie auf unmenschliche Behandlungen reagieren?

Man sollte keine gesetzwidrigen Auswege suchen, nicht im Sinne des Machiavellismus vorgehen, stets den Weg der Propheten beschreiten und rechtschaffen bleiben. Auch wenn alle Welt auf ganz anderen, völlig unsinnigen Wegen ginge – ein wahrer Gläubiger sollte sich davon nicht beirren lassen. Er sollte seinen Weg nicht ändern, nicht in eine falsche Richtung abbiegen und nicht zu Gewalt greifen, selbst wenn man ihn zu töten suchte, weil er auf dem richtigen Weg ist. Er wird nicht nach dem ungerechten Prinzip der Heimzahlung mit gleicher Münze handeln. Er wird sich wie Abel verhalten, nicht wie Kain.

Abel sagte zu seinem Bruder, den von Neid zerfressen war: „Wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, so werde ich doch nicht meine Hand nach dir ausstrecken, um dich zu töten. Wahrlich ich fürchte Gott, den Herrn der Welten“ (El-Māʾide, 5:28). Mit anderen Worten: Wenn du die Hand gegen mich erhebst und versuchst, mich zu töten – ich werde die Hand nicht erheben. Denn eigentlich bist du der Verlierer, du gehst der Hölle entgegen!

Eine ähnliche Begebenheit finden wir auch in den Hadithen von Muslim: „Wenn zwei Gläubige dabei sind, sich gegenseitig zu töten, wird sowohl der Getötete als auch der Mörder in die Hölle kommen. Denn hätte der Mörder ihn nicht getötet, hätte dies der Getötete getan, beide waren darauf aus, zu töten.“ Beide hatten die Absicht, Böses zu tun, und beide würden die Strafe für das erhalten, was sie beabsichtigten zu tun.

Da heute jedoch niemand mehr mit buchstäblichen Schwertern kämpft, sollte man herausfinden, worauf die edelsteingleichen Prinzipien des Korans heute ihre Anwendung finden und sich danach ausrichten. Ganz gleich, was sie uns an den Kopf werfen, welche abscheulichen Verleumdungen sie auch immer über uns verbreiten – gibt es Schlimmeres? –, man sollte sich nie auf ihr Niveau herablassen. Wenn sie Lügen über uns verbreiten und uns auffordern, ihre verleumderischen Behauptungen zu bestätigen, wenn sie uns anschwärzen, Komplotte schmieden und die unmöglichsten Dinge tun, um uns in den Augen der Gesellschaft zu diffamieren, indem sie zum Beispiel Begegnungen mit Frauen arrangieren, um uns anschließend einen ausschweifenden Lebensstil vorzuwerfen, damit wir die Achtung der Menschen verlieren – wir zahlen nicht mit gleicher Münze heim. Ein wahrer Mensch würde das nicht tun. Unser Streben nach der besten Wertung und der Konsistenz (aḥsen-i taqwīm) würde das nicht zulassen. Würde ein Mensch, der von Gott mit konsistenten Charaktereigenschaften erschaffen wurde, sich dazu herablassen, eine solche Charakterlosigkeit zu begehen, würde er damit lediglich seine eigene Erbärmlichkeit demonstrieren.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass es sowohl vor der Zeit unseres Propheten – Friede sei mit ihm – als auch danach immer wieder in kleinem Ausmaß zu derartigen Vorkommnissen kam. Es gab auch Zwietracht in großem Maße, zu Zeiten des ehrwürdigen Ali beispielsweise die Aufstände der Haruriten, die der Charidschiten und der Umayyaden. Angesichts all dessen hat der ehrwürdige Ali niemals den Pfad der Rechtschaffenheit verlassen. Sie sagten zu ihm: „Die Haruriten versammeln sich an einem bestimmten Ort und werden euch angreifen. Wenn ihr sie allerdings an folgendem Ort mit folgender Strategie überwältigt, werdet ihr ihnen zuvorkommen!“ Aber der ehrwürdige Imam sagte nur: „Woher wollt ihr wissen, dass sie überhaupt angreifen?“ Ebū Hanife gründet seine Fatwa auf diese Aussage des ehrwürdigen Ali, wenn er sagt: „Solange nicht definitiv feststeht, dass ihr angegriffen werdet, vergeltet nicht, auch wenn es bedeuten mag, euer Hab und Gut sowie euer Leben zu verlieren!“

Zwietracht (fitne)

Um was es seinerzeit und später bei der Zwietracht ging, wird in den Hadith-Büchern im Kapitel „Kitābu’l-Fiten we’l-Melāḥim“ behandelt. (Fiten ist der Plural von fitne [Zwietracht] und bedeutet Prüfung, Drangsal, Bedrängnis, Pein, Not, Schmach und Qual. Im Laufe der Zeit wurde dieser Begriff auch im Sinne von allerlei Schlechtigkeit wie Gottesverleugnung, Sünde, Uneinigkeit, Feindschaft, Entehrung und Ausschweifung verwendet. Melāhim ist der Plural von melhame und bedeutet Schlachtfeld.) So wie in den meisten Hadithsammlungen befindet sich dieses Kapitel auch bei Muslim am Ende. Später wurden unter diesem Titel auch Einzelwerke verfasst, in denen Dinge aufgezählt wurden, die am Jüngsten Tag geschehen sollten.

Da unser Herr, der Prophet, ein Prophet des Jüngsten Tages ist, begann die Zwietracht schon seinerzeit um sich zu greifen. Die ihm Mühsal bereiteten, sind die gleichen, die auch am Jüngsten Tag für Zwietracht sorgen werden: die Ebū Djehls, die ʿUtbes, die Scheybes, die Ibn Ebī Muʿayts usw. Aber der Prophet – Friede sei mit ihm – erhob niemals die Hand gegen sie; er verhielt sich wie Abel. Drei Jahr im ehrenreichen Mekka. Alle Bücher, Seiten, Absätze und Zeilen, die über diese Zeit verfasst wurden, vermögen nicht zu beschreiben, was er erlitt; dennoch helfen sie uns, bis zu einem gewissen Grad die Boshaftigkeit all dessen zu erahnen, was auf uns zu kommen mag. Wenn wir einen Blick hinter die Kulissen werfen, verstehen wir, wie abscheulich und niederträchtig diese Dinge waren.

Dem Stolzgrund der Menschheit wurden Dinge angetan, die noch keiner vor ihm erleiden musste. Mit den Worten des ehrwürdigen Imams von Alvar: Wären die Dinge, die ihm – Friede sei mit ihm – zugefügt wurden, allesamt auf den Gipfel des Mount Everest gehäuft worden, der Berg wäre unter dieser Last in sich zusammengesunken und hätte sich in das Tote Meer verwandelt. Der Imam von Alvar hat das zwar so nicht gesagt, aber er sagte: „Das Schwert wäre gezückt worden.“ Der Prophet jedoch zahlte nicht mit gleicher Münze heim und erhob seine Hand nicht – bis zu dem Moment, an dem der Befehl Gottes ihn bei der Schlacht von Bedr erreichte und ihm erlaubte, sich auf angemessene Weise zu verteidigen: „Den Gläubigen, die bekämpft werden, ist es erlaubt, denn ihnen wurde Unrecht getan. Wahrlich, Gott hat alle Macht, ihnen zum Sieg zu verhelfen“ (El-Ḥādjj, 22:39). Die ehrenwerten Gefährten, allesamt tapfere Männer wie Zeyd Ibn Hārise oder der ehrenwerte Hamza schauten den Gesandten Gottes an und sagten: „Endlich, die Erlaubnis!“ Zunächst einmal Hut ab vor ihrer Ergebenheit! Bis zu dem Moment, als die Erlaubnis über die gesegneten Lippen des Propheten kam, hatten sie sich ergeben zurückgehalten; als aber dieser Vers offenbart wurde, schritten sie zur Tat und waren mit Gottes Hilfe erfolgreich.

Die gegnerische Seite hatte mit ihren auf Kampf geeichten Einheiten nur eins im Sinn: sie zu vertreiben, zu vernichten, vollständig auszurotten, sie vom Erdboden auszutilgen. Die Muslime waren bis zu jenem Tag noch nie in eine derart geplante militärische Auseinandersetzung geraten. Aber nachdem Gott die Erlaubnis dazu gegeben hatte, zogen sie los. Die Engel, die im Koran als „munzelīn“ (heranstürmende Engel) und „musewwimīn“ (kampfbereite Engel) bezeichnet werden, kamen in dieser Schlacht herab und demoralisierten mit allerlei Geschrei und Lärm die gegnerischen Reihen und sorgten für eine empfindliche Niederlage der Polytheisten. Und die Muslime gingen dank der Güte und Hilfe Gottes gestärkt daraus hervor.

Der springende Punkt ist: Der Prophet bittet nach Medina, der erleuchteten Stadt, und die Muslime verbringen das zweite Jahr dort. Dreizehn Jahre lang hatten sie im ehrenreichen Mekka Drangsal und Leid erduldet, unermessliche Niedertracht, Hinterhältigkeit und Gemeinheit. Aber der Gesandte Gottes erhebt die Hand nicht. Er verhält sich wie Abel, wie der ehrwürdige Abraham, wie der ehrwürdige Noah. Als er keinen Ausweg sieht, sagt er (wie der ehrwürdige Noah): „Ich bin überwältigt worden, so hilf Du mir!“ (El-Qamar, 54:10). Auch die anderen Propheten sagten das Gleiche. Zeit ihres Lebens riefen sie die Menschen zu Gott und zur Wahrheit auf, bemühten sich, den Menschen die Augen zu öffnen. Leider blieben die Augen der Menschen geschlossen, die Ohren verstopft, die Herzen tot, und so fiel ihre Reaktion auf diese positiven Dinge stets negativ aus. Aber kein Prophet vergalt Gleiches mit Gleichem. Das ist der Weg der Propheten.

„Erdbeben“

Und wie sieht es heute aus? Diejenigen, die gestern noch behaupteten, die Hizmet-Bewegung würde ein Erdbeben erzeugen, um sich zu rächen, schwärzen morgen in gleicher Manier Menschen an, die nicht einmal dann ihre Hand erheben, wenn der Staat Selbstmordattentäter instrumentalisiert, um Menschen zu terrorisieren.

Sie schüren die Ängste der Menschen, um ihre bösartigen Ziele zu verfolgen. Ganz aufgeregt rufen sie: „Die gehören auch zu dieser Gruppe, die gehören auch zu dieser Gruppe! Die haben den Messengerdienst ByLock verwendet, also gehören sie auch zu denen. Verhaftet sie, sperrt sie ein!“ Es kümmert sie nicht, ob Kinder sterben, ob Mütter sterben, ob Familien in Flüssen ertrinken – Hunderte von Familien. Sollen ihre Leichen doch im Wasser verwesen. Wut, Hass, sie halten es nicht mehr aus, sie können es nicht verwinden. Ich bin der Meinung, dass man selbst unter solchen Umständen nicht nach dem ungerechten Prinzip der Heimzahlung mit gleicher Münze handeln sollte.

Andere können alles tun, sie können uns der unmöglichsten Dinge bezichtigen. Ein paar Beispiele von Anschuldigungen, die es wirklich gab: „Die sorgen für ein Erdbeben und unseren Untergang!“ Als würde es innerhalb der Bewegung Kräfte geben, zauberhafte Kräfte, die unterirdische Verwerfungen aufbrechen und ein Erdbeben verursachen könnten … Wo diese Verwerfungen sind, wissen diese Menschen doch gar nicht; wenn das jemand weiß, sind es die Geologen und Seismologen, sie können vielleicht ein Erdbeben voraussagen. Aber hinsichtlich der Stärke eines Erdbebens können auch sie keine definitiven Aussagen treffen. Sie sagen ein schwaches Beben voraus – das Beben hat aber eine Stärke von 6. Oder umgekehrt: Sie sagen ein Erdbeben einer Stärke von 6 voraus, es hat aber nur eine Stärke von 3. Auch die Fachleute wissen es nicht genau. Aber einer von ihnen maßte sich an zu sagen: „Sie lassen die Erde beben und rächen sich so an euch!“ Und wenn sie ein Meteorit treffen würde – selbst wenn Gott sie verdientermaßen derart bestrafen würde – würden sie sagen: „Die haben die Satane im Himmel beschworen und diesen Meteoriten auf uns herunterstürzen lassen!“ In Anbetracht all der Dinge, die sie bisher geäußert haben, würden wir ihnen auch solch eine Aussage zutrauen.

Was könnten sie noch tun? Vielleicht dies hier: Zwei Selbstmordattentäter, ihre eigenen Leute. So was gibt es – Menschen, die sowohl getötet werden als auch töten. Wer sich auf diese Weise selbst tötet, Selbstmord begeht, kommt wie die Gottesverleugner in die ewige Hölle. Wie beispielsweise die Leute des IS, die Murabitun-Miliz oder Boko Haram, aber auch andere religiöse Fanatiker sind zu so etwas fähig. Überall auf der Welt kommt es fast tagtäglich zu solchen Vorfällen, es ist nichts Außergewöhnliches mehr. Sie finden – bitte entschuldigen Sie die Ausdrucksweise – ein oder zwei verwirrte Gestalten und bringen sie gegeneinander auf. Wie wir auf so etwas kommen? Man muss sich nur ansehen, was auf der Welt so passiert und inszeniert wird: Sie laufen zum Beispiel auf der Straße und denken an nichts Böses, als sich Ihnen plötzlich eine Frau an den Hals wirft. Schnell noch ein paar Fotos … „Schaut euch mal den an!“, heißt es dann. Der Ruf ist zerstört. Diese Leute sind zu allem bereit, denn sie haben es auf Vertreiben, Vernichten, Auszurotten und Austilgen abgesehen.

Wirft man einen Blick in verschiedene Regionen der Erde, sieht man, wie Unmengen an Geld ausgegeben werden, um die gesegneten Licht-Institutionen zum Erlöschen zu bringen. Selbst wenn kein Geld mehr in der Staatskasse ist, dafür finden sie Mittel. Als ob sie sagen: „Sie zu vernichten wäre ein Traum! Wenn wir sie vernichtet haben, haben wir gewonnen. Dann steht uns der Nobelpreis zu!“ Betrachtet man das Gesamtbild, kommt man nicht umhin, dem Ganzen eine Wahrscheinlichkeit zuzusprechen. Man kann überall ein paar geistig Verwirrte auftreiben, die dann an verschiedenen Orten solche Aktionen durchführen. Den einen veranlassen sie, zu sagen: „Ich kenne diese [Licht-]Häuser, ich bin da ein- und ausgegangen“, während ein anderer behauptet: „Ich bin auf eine ihrer Schulen gegangen“. Mit anderen Worten: „Dort hat man mir diese Dinge beigebracht.“ Eigentlich bräuchten sie niemanden dazu zu dingen, das zu behaupten, besuchten doch die meisten ihrer eigenen Kinder die Schulen [der Bewegung] … Aber so können sie die untadeligen Freiwilligen der Bewegung wirkungsvoller diskreditieren, und dafür tun sie alles in ihrer Macht Stehende.

Es bleibt zu hoffen, dass sie es niemals wagen, einen Versuch zu unternehmen, derart Niederträchtiges und Abscheuliches in die Tat umzusetzen. Ich behaupte, die Menschen in Anatolien zu kennen, dort gibt keine niederträchtigen Menschen, Personen, über die der Koran sagt: „Sie sind wie Herdenvieh – nein, sie sind noch weiter abgeirrt“ (El-Aʿrāf, 7:179). Sollte es dennoch eines Tages zu solchen Aktionen kommen, bleibt uns nur, wie der ehrwürdige Abel zu sagen: „Wenn du deine Hand nach mir ausstreckst, um mich zu töten, so werde ich doch nicht meine Hand nach dir ausstrecken, um dich zu töten. Wahrlich, ich fürchte Gott, den Herrn der Welten“ (El-Māʾide, 5:28). Sollten sie also mit Waffengewalt über uns kommen, sei es mit einer Atombombe, einem Schwert, einem Dolch oder einem Kordan – wir würden uns einfach in unserer Wohnung oder unserem Ladengeschäft verbergen, würden aber unter keinen Umständen die Hand gegen sie erheben.

Und genauso haben sich unsere Freunde verhalten, als man ihre Schulen, Universitäten, Vorbereitungskurse auf die Universität und Häuser besetzte – Einrichtungen, die sie im Schweiße ihres Angesichts aufgebaut hatten. Allerdings haben sie nicht mit gleicher Münze heimgezahlt, als die Besatzer, die Unterdrücker, die Tyrannen kamen und so taten, als ob das alles ihnen gehörte. Ich habe das selbst im Fernsehen verfolgt und mit eigenen Augen gesehen: Unsere Freunde haben das erduldet, ohne eine Miene zu verziehen; haben gebettelt und gefleht, nach dem Recht gerufen, aber [die Unterdrücker] haben nur Unrecht verstanden, sie verstehen unter Gerechtigkeit Ungerechtigkeit. Sie haben sich etwas in den Kopf gesetzt, und das ziehen sie durch. Aber unsere Freunde haben sich würdig verhalten, vielleicht kennt ihr ja einige von ihnen, sie sind überall auf der Erde zu finden.

Aufschub bis zu einer von Ihm festgesetzten Frist

Der Koran sagt: „Wenn Gott die Menschen für das, was sie an Unrecht begehen [sofort] bestrafen würde, dann würde Er auf der Erde kein Lebewesen belassen. Doch Er gewährt ihnen Aufschub bis zu einer (von Ihm) festgesetzten Frist“ (El-Fātir, 35:45). So sollte man die Dinge, die man erleidet, betrachten: Sie unterliegen der befristeten Erlaubnis und dem Willen Gottes. Es liegt an uns, das Beste aus der Situation zu machen, in der wir uns befinden. Wahrscheinlich hat Gott der Wahre es genau deshalb zugelassen, als eine Art liebevollen Klaps …

„Aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ – das gilt auch für Gott. Gerichte räumen manchmal eine Frist ein, um jemanden nochmal die Gelegenheit zu geben, in sich zu gehen, noch einmal nachzudenken, den Weg der Rechtschaffenheit zu bedenken und ihn einzuschlagen. Daher ist bei Gott „aufgeschoben“ keinesfalls „aufgehoben“. [Der Dichter Ziya Pascha] drückt es so aus: „Wer mit Gewalt gedeiht, wird ein böses Ende nehmen.“ Die Geschichte bestätigt das tausendfach und webt ein blutiges Tuch.

Angesichts all dieser Vorkommnisse sollten wir Gott darum bitten, uns zu helfen, stets folgende Haltung zu bewahren: „Wir sind froh, Gott als unseren Herrn zu haben und den Islam als Religion. Auch über den Gesandten Gottes als unseren Propheten freuen wir uns von ganzem Herzen.“

Aktive Geduld

Kehren wir zum eigentlichen Thema zurück: Wir halten entschlossen an dem fest, was wir bisher gemacht haben, ganz gleich, was sie uns antun mögen. Auch denen, die uns nach dem ungerechten Prinzip der Retaliation behandeln, zahlen wir nicht mit gleicher Münze zurück.

Der Koran würde dies vielleicht sogar unter bestimmten Bedingungen erlauben: „Wenn ihr euch gegen ein Unglück zur Wehr setzen müsst, dann setzt euch (nur) in dem Maße zur Wehr, wie euch ­­­Unrecht getan wurde; wenn ihr es jedoch geduldig hinnehmt, so ist dies wahrlich besser für die Geduldigen“ (En-Naḥl, 16:126). Wenn sie uns drangsalieren, könnten wir ihnen mit Gleichem vergelten, aber es gibt einen vorzüglicheren Weg: Beißen wir die Zähne zusammen und sind aktiv geduldig, das ist für uns segensreicher.

Ich spreche bewusst von „aktiver“ Geduld; wer mich kennt, weiß, was ich damit meine. Es geht nicht um passive Geduld, einfach nur abzuwarten und sich nicht einzumischen. Nein, ganz und gar nicht. Es geht um eine Geduld, die uns dazu bringt, in der Stellung, in die uns Gott gebracht hat, alles uns Mögliche zu tun. Welche Möglichkeiten uns auch immer offenstehen – nutzen wir sie. Das meine ich mit „aktiver Geduld“. Es geht um den Gotteslohn für Geduld, aber auch um den Gotteslohn für Einsatz und Aktivität.

Das bedeutet, sich von Unmöglichkeiten nicht abschrecken zu lassen und sich trotz ungünstiger Umstände ernsthaft und aktiv zu bemühen, den Lauf der Geschichte zu verändern, Verhältnissen einen neuen Anstrich zu verleihen, sozusagen neuartige Spitze zu klöppeln; wie zur Zeit der Gesandtschaft unseres Propheten, des Pioniers der Geduld – Friede sei mit ihm –, die Welt in Staunen zu versetzen: „Unglaublich, dass es solche Menschen noch gibt! Sie bekommen eine Ohrfeige und reagieren wie der ehrwürdige Christus: ‚Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.‘ Sollen sie doch ihrer Wut freien Lauf lassen, sie werden es noch bereuen.“ Darauf kommt es heutzutage an. Auch wenn sie uns, wie bereits erwähnt, versuchen, die abscheulichsten und widerwärtigsten Dinge anzutun, handeln wir unserem Charakter entsprechend und lassen uns nicht dazu hinreißen, der grausamen Maxime folgend mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Ein früherer Freund hat einmal in der Zeitung folgendes über uns geschrieben: „Während des Wahlkampfes bedienen sie sich einer Reihe terroristischer Aktionen.“ Und das, wo doch die Freiwilligen der Bewegung seit zwei Jahren einem Druck ausgesetzt sind, den man in seinem Ausmaß durchaus als Terror bezeichnen kann, und trotzdem nicht einmal ihre Faust geballt haben. Ich frage Sie: Haben Sie gesehen, [dass sich die Hizmet-Bewegung terroristischer Aktionen bedient hätte]? Keiner von uns hat so etwas je gesehen. Auch ich nicht, niemals. Sie haben nicht Gleiches mit Gleichem vergolten, auch nicht, als sie vergewaltigt wurden oder ihre Ehre in den Schmutz gezogen wurde. Sogar der Qitmir hat in einigen dieser beschlagnahmten Gebäude wie ein Tagelöhner gearbeitet. Das, was beschlagnahmt wird, ist nicht Eigentum des Staates, das alles gehört den Freiwilligen der Bewegung. Ich selbst habe in einigen dieser Räume gelebt, habe dort Schüler unterrichtet, das waren Zeiten! Es juckt mir in den Fingern, aber … Die Empfehlung des Korans lautet: Wenn ihr Geduld übt, dann aktive Geduld, das ist für euch segensreicher. Wählt diesen Weg, diese Methode; opfert niemals die Haltung und Handlungsweise eines wahren Menschen! Die Freiwilligen der Hizmet-Bewegung sollen niemals vom rechten Weg abweichen und trotz allem, im Angesicht der Unmenschlichkeit der Unmenschen, Menschlichkeit bewahren, um den guten Ruf der Muslime zu schützen.

Menschlichkeit im Angesicht von Unmenschlichkeit

Diesen Umstand können wir durch die Geschichte hinweg beobachten, zu Zeiten des ehrwürdigen Ali wie auch bei den Umayyaden. Man denke nur an Hadjjadj: Er hatte 80 000 Menschen getötet und unter der Nachfolgegeneration der Gefährten eine enorme Blutschuld auf sich geladen, zum Beispiel hatte er Saʿīd ibn Djubeyr getötet. Dabei war Hadjjadj selbst schon angeschlagen, zitterte und starb schließlich. All das tat er eigentlich, um das Fortbestehen der Herrschaft der Umayyaden zu sichern. Er war entschlossen, alle, die dem entgegenstanden, sich ihm nicht uneingeschränkt anschlossen und sich nicht unterwarfen, auszurotten. Als er das erste Mal in den Irak, in den Irak der ʿAdjem, kam, sagte er: „O ihr Bewohner des Irak, ihr Bewohner von Schiqāq, ihr seid stur und moralisch verkommen! Ich sehe unter euch ein paar Köpfe, die nur darauf warten, zu rollen. Die Ehre, sie zu köpfen, wird mir zuteil!“ So hat er sie schon beim ersten Zusammentreffen seine Widerwärtigkeit spüren lassen. Über Jahre hinweg hat er sie unterdrückt und tyrannisiert.

Yezīd hatte das Gleiche getan. Sogar noch vor Hadjjadj. Wie weit ist er gegangen? Er ist so weit gegangen, den ehrwürdigen Huseyn, den der Gesandte Gottes – Friede sei mit ihm – so sehr liebte, bei Kerbela, am Fluss Rewān, zusammen mit dreißig, vierzig unbewaffneten Männern zu töten und so zum Märtyrer zu machen. Zu jener Zeit geschahen solche Dinge. Allerdings haben weder der ehrwürdige Hassan, noch der ehrwürdige Huseyn oder der ehrwürdige Ali jemals ihre Hand gegen sie erhoben. Über den ehrwürdigen Ali hatte ich eben schon ausgeführt, dass er sich heldenhaft verhielt, indem er fragte: „Woher wollt ihr wissen, dass sie mich überhaupt angreifen?“, als man zu ihm sagte: „Die Haruriten haben in Harura etwas vor, sie haben sich gegen dich versammelt!“

Der ehrwürdige Hassan verwirklichte eine Weisung unseres Herrn, des Propheten: „Mein prächtiger Enkel, ihr kennt ihn wohl, wird zu der Zeit, in der das Zerwürfnis (fitne) offenkundig wird, mit der Gnade Gottes und gemäß Seinem Willen dieses Zerwürfnis verhindern.“ Das Zerwürfnis zwischen dem ehrwürdigen Ali und Muawiya … Der ehrwürdige Hassan, der später zum Kalifen gewählt wurde, sagte: „Ich verzichte auf mein Recht.“ Er gewährte Muawiya den Vortritt und lebte in Medina, der erleuchteten Stadt. Aber wie alle Menschen, die zu Paranoia neigen und Angst haben, dachten sie, der ehrwürdige Hassan könnte es sich vielleicht doch anders überlegen, Leute um sich scharen und das Kalifat für sich beanspruchen. Daher ging man auf Nummer sicher und vergiftete den ehrwürdigen Hassan.

Auch der ehrwürdige Huseyn wird bei Kerbela zum Märtyrer. Zwar hat er nur vierzig Männer bei sich, aber man befürchtete wohl, dass er im Irak Leute um sich scharen würde und angreifen könnte. Um auf Nummer sicher zu gehen, sollte er enthauptet werden, bevor er auf die Idee kommen könnte, seinerseits anzugreifen.

Diese Geschehnisse aus der Vergangenheit bergen eine Lektion für uns. Die Sira-Literatur ermahnt uns: „Achtet auf diese Personen! Es ist menschlich, es steckt in ihren Genen, und daher werdet ihr auf die eine oder andere Weise immer wieder mit den gleichen Dingen konfrontiert werden.“ Und dann ist es an uns, den Rat des Gesandten Gottes – Friede sei mit ihm – zu beachten. Das ist der Weg der Propheten.

Wenn die ganze Welt über dich zu kommen scheint, dann versuche, sie mit einem Lächeln zu besänftigen, so wie es der ehrwürdige Christus tat, wir sind eben kurz darauf eingegangen. Denn wenn die eine Seite Zwietracht sät und die andere Seite dies ebenfalls tut, dann potenziert sich die Zwietracht nur. Und wenn das so weitergeht, verfestigt sich dieser Umstand. Ziya Gökalp gebrauchte in diesem Zusammenhang das Wort mukʿab, es bedeutet „dreidimensional“. Dreidimensionale Zwietracht – Gott bewahre! Die Menschen wären dann nicht nur zehn Kilometer voneinander entfernt, sondern hundert Kilometer – ein Teufelskreis der Entfremdung. Das würde eine spätere Annäherung fast unmöglich machen. Um das zu vermeiden, müssten einige an ihrer Stelle verbleiben, also ihrem Charakter treu bleiben.

Was damals geschah, wiederholte sich in den folgenden Epochen der Geschichte immer wieder. Die Friedrich Barbarossas, die Richard „Löwenherzen“ … Sie sind in ihrer Boshaftigkeit gegenüber den Muslimen so weit gegangen, dass sie bis nach Ägypten zogen, bis in den Sudan. Aber reuevoll kehrten sie heim. Richard I. sagte bei seiner Rückkehr: „Was Menschlichkeit bedeutet, lernte ich von Saladin. Von Saladin, dem Sohn Eyyubs, lernte ich die Menschlichkeit!“ Seinerzeit herrschte im Balkan Vlad III. Drăculea, der von den Osmanen „Woiwode der Pfähler“ (Kazıklı Voyvoda) genannt wurde. Damit Richard I. auf seinem Weg nichts zustößt, stellte Saladin ihm schützende Begleitung zur Seite. Sogar als die feindlichen Kommandanten erkrankten, kümmerte sich Saladin persönlich in seiner Eigenschaft als Arzt um ihre Behandlung. Das war Saladin!

Aus diesem Grund nennt Mehmet Akif Ersoy ihn in seinem Nachtigall-Gedicht zusammen mit Sultan Mehmed II. (Fatih, dem Eroberer): „Du hast einen Partner, du hast ein Nest, es ist Frühling, wie erwartet / Was war das für ein Tohuwabohu, o Nachtigall, was ist deine Sorge? / Du sitzt auf dem smaragdenen Thron, hast ein himmlisch’ Reich gegründet / Würde auch die ganze Welt zertreten, deine Heimat würd’ es nicht.“ In ebendiesem Gedicht spricht er von der „Heimat der Saladins und der Fatihs“. Fatih wird paritätisch erwähnt, denn er hatte menschlich gehandelt. Obgleich die Fatimiden ihn dort hintergangen hatten, wendet er einer fatimidischen Frau den Rücken zu und sagt: „Sollte ich Sie gestört haben, können Sie mich erstechen!“ Die Frau stößt sich das Messer in den eigenen Leib. Daraufhin dreht er sich um und kümmert sich um die Verletzte.

Das kennzeichnet unseren Charakter. Das kennzeichnet den Charakter von Muslimen. Das kennzeichnet den Charakter von Personen, die mit dem Geist des Herrn der Schöpfung verbunden sind. Ist man mit ihm verbunden, dann ist es die Aufgabe des Dieners, seinem Vorreiter zu folgen. Wo immer dieser hingeht, welchen Weg er auch immer nimmt, man darf sich nicht von ihm trennen. Trennung von ihm wäre eine Katastrophe, Gott bewahre! Der Weg unseres Herrn, des Propheten.

Die Gläubigen haben sich stets wie Gläubige zu verhalten und auf globaler Ebene, auf universeller Ebene, ihre Ehre und ihren Kredit zu bewahren. Die Menschen sollen sagen: „Es gibt zwar abstoßende Menschen, aber auch jene, von denen die Utopien-Literatur handelt, die sogar den Menschen etwas voraushaben, von denen Campanella in seinem Sonnenstaat erzählt. In dem Gesellschaftssystem, das sie begründen, werden die Menschen Ruhe und Sicherheit finden, sie werden immer Luft zum Atmen haben. Auch eine solche Bewegung gibt es. Es gibt noch Menschen, die nach der Maxime leben: ‚Ohne Hände gegen den Schlag, Ohne Zunge gegen den Fluch, Nicht übelnehmend die Ignoranz.‘“ Genauso müssen wir handeln, das hohe Ansehen des Muslimseins beschützen und im Angesicht der Unmenschlichkeit der Unmenschen trotz allem Menschlichkeit bewahren.

Sollte ich mich unpassend ausgedrückt haben, entschuldige ich mich bei meinen Leserinnen und Lesern und bitte auch Gott um Vergebung. Ich bin ein Mensch und meiner Unzulänglichkeiten sind viele; auch wenn mir Fehler unterlaufen sein können, so habe ich mich doch stets bemüht, das zu sagen, wovon ich überzeugt bin. Wesselām.