Sich wiederholende Geschichte

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Wie sind die jüngsten Geschehnisse und Vorfälle in unserer Welt unter dem Gesichtspunkt zu bewerten, dass sich Geschichte ständig wiederholt?

In der Tat ist unsere Welt erneut in eine spirituelle Krise geraten, und schon allein das beweist, dass sich Geschichte wiederholt. Doch bevor wir dieses Thema vertiefen, ist es sinnvoll, zunächst einmal zu erläutern, welche Bedeutung die Wiederkehr historischer Begebenheiten besitzt und wie sich diese Wiederholungen von Geschichte genau darstellen. Ja, die Geschichte ist von wiederkehrenden Entwicklungen geprägt, allerdings handelt es sich dabei nie um identische Entwicklungen, sondern immer nur um ähnlich gelagerte. Denn wären sie identisch, hätte man aus ihnen gelernt und dieselben Fehler würden nicht noch einmal begangen. Insofern dürfen wir uns der Geschichte nicht in der Hoffnung nähern, verbindliche Schlussfolgerungen aus ihr ziehen zu können, so als ob sie sich permanent wiederholen würde. Doch weil wir mit Ereignissen und Vorfällen konfrontiert sind, die Parallelen zu vergleichbaren Momenten in der Vergangenheit aufweisen, müssen wir aus der Geschichte lernen. Versuchen wir nun, die aktuelle Krise aus dieser Perspektive zu betrachten.

Es war schon oft zu beobachten, dass Epochen in der Geschichte, in denen der Erbarmer den Menschen größte Belastungen und größten Druck aufbürdete, die Menschheit dazu inspirierten, zu neuen Horizonten aufzubrechen. Dies gilt sowohl für Einzelpersonen als auch für Gemeinschaften. Wenn die Belastung eines Individuums ihren Höhepunkt erreicht, deutet alles darauf hin, dass der Moment der Befreiung nahe ist; und in gleicher Weise haben extreme soziale Belastungen schon immer dazu geführt, dass sich die Gemeinschaft weiterentwickelte und neue Wege einschlug. Die folgenden erhabenen Worte zur Dunkelheit der Nacht geben sehr schön wieder, was wir hier zu sagen versuchen: „Suche nach der finstersten Finsternis! Denn diese letzte Phase der Finsternis ist der Moment, in dem das Licht zu leuchten beginnt.“

Darüber hinaus sind sich der Makrokosmos und der Mensch (der angesehene König des Normokosmos) so ähnlich, dass sie fast identisch sind. Deshalb sollten wir uns nun zuerst mit dem Individuum befassen. Wenn Menschen Entlastung und Zufriedenheit verspüren, bewirkt dies manchmal eine Entspannung von Geist und Gewissen, manchmal aber auch das Gegenteil. In der islamischen Sufi-Terminologie bedeutet der Begriff Anspannung (qabḍ) so viel wie: bedrückt sein oder unter Druck stehen. Ein verwandtes Wort – qabḍa – bezeichnet die Umklammerung des Schwertes mit den Fingern. Qabd lässt sich aber auch noch anders definieren, nämlich: von einer unbekannten Hand festgehalten werden. Und mit dieser besonderen Konnotation ist der Begriff in die Sufi-Terminologie eingegangen. Wenn sich ein Mensch im Zustand der Anspannung befindet, dann kann dieser aus bestimmten Fehlern oder auch aus Unachtsamkeit resultieren. Anfangs gibt sich der Betreffende seinem Überschwang hin und lebt einige Zeit lang in einem Zustand der Leichtfertigkeit. Unmittelbar darauf wird er, als eine Form der Bestrafung, mit Anspannung belegt. Vielleicht ist es ja die Seele, die sich diesen Zustand herbeiwünscht, denn sie ärgert sich über dieses Übermaß an Bequemlichkeit und Lethargie. Es passiert oft, dass sie unter der Überbetonung der materiellen Welt leidet. Im Hinblick auf ihre Sehnsucht nach der Ewigkeit bevorzugt sie es, im Zustand der spirituellen Achtsamkeit und Lebendigkeit zu sein und zu bleiben. Wer sich gehen lässt, verspürt Anspannung, weil die Hand der Macht ihm eine Warnung zukommen lässt. Gott lässt ihn Anspannung fühlen, um ihn zu Sich zurückzuführen – vergleichbar etwa mit einer Mutter, die ihrem Baby hilft, zu verstehen, dass es etwas Falsches tut oder in eine falsche Richtung läuft, und es dann barmherzig und liebevoll wieder in die Arme schließt. In so einer Situation wird der Weg vor ihm immer schmaler und undurchlässiger; die Ursachen beginnen allmählich zu verstummen. Schließlich kommt der Moment, in dem man alle Ursachen hinter sich lässt und sich ganz auf den Einen besinnt, der alle Ursachen in Seiner mächtigen Hand hält. Ziel des Allmächtigen ist es vor allem, dass sich der Mensch Ihm wieder zuwendet. Wenn jemand dann begreift, was sich hinter den Geschehnissen, die ihn heimsuchen, verbirgt, und zu Ihm zurückkehrt, bedeutet dies, dass Sein Ziel erreicht wurde. Doch um an diesen Punkt zu gelangen, braucht es ein geschärftes Bewusstsein und eine nicht minder geschärfte Wahrnehmung. Denn es gilt zu verstehen, dass nichts, was im Universum geschieht, auf blindem oder willkürlichem Zufall basiert. In seinem Werk erläutert Bediuzzaman dieses Thema, indem er zwei Menschen porträtiert, die in einen Brunnen gefallen sind. Der eine verliert seine Fähigkeit, die verborgene Seite der Dinge zu sehen, während der andere ein weiser Mensch ist. Durch das Fenster seiner Weisheit sagt er: 

„Diese Dinge geschehen offensichtlich nicht rein zufällig. Während ich die Wüste durchstreife, werde ich plötzlich von einem Löwen verfolgt. Dann falle ich in einen Brunnen und bekomme dabei einen Baum zu fassen. Zwei Mäuse, eine schwarze und eine weiße, sitzen an der Wurzel des Baumes und nagen an ihr. In der Tiefe wartet ein Drache mit weit aufgesperrtem Maul darauf, dass ich endlich falle, und von oben bedroht mich der Löwe mit seinem furchterregenden Auftreten. Diese Dinge kommen nicht von ungefähr, sie entspringen keinem Zufall. Anscheinend wurden sie von jemandem, der mich kennt, vorausgeplant; sie alle spiegeln eine Seite meiner Existenz wider“ (Bediuzzaman, Sözler [Worte], Sekizinci Söz [Achtes Wort]).

Wer selbst schon einmal so einen Zustand der Anspannung durchlebt hat, sollte alles, was ihm widerfährt, auf ähnliche Weise betrachten und sich sagen: „All diese Widrigkeiten die mich so fest im Griff halten, wurden mir von einer höheren Macht geschickt; ich selbst bin in diesem Schauspiel nur ein Statist.“ Natürlich genügt es nicht, dass man sich diese Erkenntnis vergegenwärtigt; vielmehr sollte der Betreffende umgehend Zuflucht bei der Souveränität des Einen suchen, in Dessen erhabener Hand die ganze Schöpfung liegt.

Genauso verhält es sich mit den Gemeinschaften. Auch sie durchleben manchmal einen ähnlichen Zustand der Anspannung. Zu den Gründen für diese Anspannung können unter anderem ein Leben in Müßiggang, ein mangelndes Bewusstsein um die Rückkehr zum Schöpfer, ein Klopfen an die falschen Türen oder auch eine Heilssuche an den falschen Orten zählen. Die Anspannung, die Individuen und Gemeinschaften heute verspüren, führt uns vor Augen, dass sich Geschichte wiederholt. Doch haben wiederkehrende Vorgänge dieser Art auch gezeigt, dass Probleme und Turbulenzen den Beginn neuer Höhenflüge markieren können. Die Krise, mit der wir uns heute konfrontiert sehen, sollte uns eine Brücke zu neuer Energie und Tatkraft sein. Ist es denn nicht unsere Aufgabe, den Grundstein zu einem neuen, noch erhabeneren Zeitalter zu legen?