In der ganzen Welt ist zu beobachten, dass im Namen des Islams reaktionäre Bewegungen gegen die bestehenden Machtstrukturen (Regierungen oder Rechtsordnungen) protestieren; auf eine Art und Weise, die wenig konstruktiv ist, die keine eigenen Konzepte anzubieten hat und somit auch keine Substanz besitzt. Hat so eine Form der Kritik ihre Berechtigung?
Erstens kann ich mich persönlich nicht entsinnen, dass reaktionäre Bewegungen jemals etwas Positives hervorgebracht hätten oder dass Menschen, die auf derlei reaktionäre Kritik setzen, jemals ihre Ziele erreicht hätten. Ohne hier Namen nennen zu wollen, sind reaktionäre Bewegungen – islamische und andere – in vielen Regionen dieser Welt inzwischen in eine Sackgasse geraten. Wenn wir in unsere eigene [türkische] Geschichte schauen, erkennen wir, dass die ersten demokratischen Bewegungen hierzulande [in der Türkei] ebenfalls eher reaktionär orientiert waren. Allerdings konnten sie sich nicht lange halten und verloren schnell an Bedeutung. Heute besteht eine unserer wichtigsten Aufgaben darin, den Menschen das islamische Denken zugänglich zu machen und nach Wegen zu suchen, sie zum Glauben einzuladen. Hätten sich die Menschen damals, als sich in unserem Land die ersten reaktionären Bewegungen bildeten, aufrichtig und beharrlich um Bildung und um Unterweisung der nachfolgenden Generationen bemüht, anstatt sich vom Hass auf all jene, die unseren Werten feindselig gegenüberstanden, leiten zu lassen, dann wäre unser Land wohl schon vor langer Zeit aufgeblüht wie ein Blumengarten. Doch zu lange konzentrierten sie sich vor allem auf das Üben von Kritik, bis diese „Bewegungen der Unzufriedenen“, wie wir sie nennen könnten, schließlich dahinschmolzen und nichts als Sehnsüchte und gebrochene Herzen hinterließen. Andererseits erinnern wir uns aber auch mit Dankbarkeit an all diejenigen, die in jener Zeit mit gutem Beispiel vorangingen und das Fundament für die Bildung vieler Menschen gelegt haben.
Zweitens: Was auch immer um der Gegenwart oder der Zukunft eines Volkes willen getan wird, sollte auf keinen Fall die Einheit und den Frieden dieses Landes stören oder schädigen. Bei der Planung der Zukunft sollte also sehr darauf geachtet werden, dass man keinen Schaden anrichtet, der sich später selbst im Laufe vieler Generationen unmöglich wieder reparieren ließe. Sonst werden wir unsere Ziele unweigerlich verfehlen; dann würden die kommenden Generationen uns hassen und verfluchen, und auch in Bezug auf unser jenseitiges Leben würden wir viel verlieren.
Drittens: Gläubige Menschen mögen sich wünschen, so zu leben, wie es der Weite ihrer Idealwelt des Glaubens entspricht. Doch sollte man nie vergessen, dass diese Wunschvorstellung nicht das höchste Ziel oder Ideal sein kann. Der Gesandte Gottes – Friede sei mit ihm – hat sich mit keinem einzigen Wort zu diesem Thema geäußert, während er in Mekka seine Botschaft verkündete. In den Koranversen, die ihm damals offenbart wurden, ging es um den Glauben und um Grundsätze des Glaubens; und in den Hadithen aus jener Zeit ging es um die Anwendung dieser Grundsätze im Lichte der damaligen Herausforderungen. Die heldenhaften Menschen, die seinerzeit fünf bis zehn Jahre lang aller Welt den Islam verkündeten, taten dies, ohne jede Erwartung zu hegen. Trotz der sehr schwierigen Bedingungen begingen sie nie diesen Fehler, der ihre Absichten verunreinigt hätte. Daher sollten gläubige Menschen von heute, die sich diese heldenhaften Menschen zum Vorbild nehmen, darauf bedacht sein, die Reinheit ihrer Gedanken nicht aufs Spiel zu setzen, indem sie sich in eine unnötige Erwartungshaltung begeben. Vielmehr sollten sie sich bemühen, das Potenzial ihres Dienstes am Glauben und am Koran auszuschöpfen. Sie sollten mit allem, was sie besitzen, nach dem Wohlgefallen Gottes streben – ganz so, als würden sie ein feines Spitzenmuster knüpfen. Denn würden sie anders verfahren, käme das einer Art Feilschen mit Gott gleich, die weit davon entfernt wäre, Sein Wohlgefallen zu finden. Es wäre eine Anmaßung sondergleichen, die zudem völlig gegen das grundlegende Verständnis unserer Dienerschaft gegenüber Gott verstieße, wenn man von folgender Prämisse ausgehen würde: „Wenn ich mich schon derart anstrenge, möchte ich auch ein Leben führen, das so und so gestaltet ist, und außerdem …“ Doch natürlich ist es nicht einfach, aus diesem gedanklichen Teufelskreis wieder auszubrechen, wenn man sich einmal darin verfangen hat. Wir dürfen nicht erwarten, dass sich ein bestimmtes Resultat einstellt, nur weil wir uns abmühen, es zu erreichen. Ich denke, dass diejenigen, denen es bei ihrem Engagement um materiellen, weltlichen Lohn geht und die diesen Lohn zu ihrem Ideal erheben, die erhabene Zustimmung und Anerkennung Gottes verlieren. Und sie verlieren sie zu Recht, selbst wenn sie ihr Leben, ihr Vermögen und andere Dinge diesem Ziel opfern. Das Ideal, in das man seine Hoffnungen setzt, darf nur Gott allein sein. Und auch das Ziel, das man verfolgt, muss Er selbst beziehungsweise Sein Wohlgefallen sein. Nur in diesem Fall wird Gott den Betreffenden Erfolg bescheren, anstatt sie zu Trauer und Enttäuschung zu verurteilen.
Viertens: Weltliche Güter wecken Begehrlichkeiten. Und bei Gütern, die sehr begehrt sind, ist häufig zu beobachten, dass die Machthaber Unterdrückungsmaßnahmen einsetzen, um sie in die Finger zu bekommen oder um sie zu behalten. Dieses Vorgehen ist, aus ihrer Warte betrachtet, nur folgerichtig. Denn diese Menschen glauben nicht an das Jenseits. Für sie zählt nur diese eine Welt. Deshalb hängen sie so sehr an ihr und an ihren Reichtümern, die sie sich selbst, ihren Kindern und ihren Enkelkindern bewahren wollen. Erwiesenermaßen ist ein Aspekt der übertriebenen Erwartungen an das Diesseits (ṭūl el-emel), dass, wenn zwei Parteien dem gleichen Ziel nachjagen, die mächtigere der beiden gewinnt. Daher sollte man statt auf reaktionären Protest lieber auf Bildung und Aufklärung setzen und als einziges Ziel das Wohlgefallen Gottes anstreben. Und diesbezügliche Erfahrungen sollte man mit anderen Menschen teilen.





