İçindekiler
Konstruktive Kritik kann sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, Dinge zu verbessern. Wodurch genau zeichnet sie sich aus? Und was müssen derjenige, der Kritik übt, und derjenige, der kritisiert wird, beachten?
Kritik zu üben bedeutet, eine Aussage oder eine Verhaltensweise in Frage zu stellen, deren negative und positive Seiten herauszustreichen und einen Istzustand mit dem Sollzustand zu vergleichen. In der Wissenschaft ist die Kritik ein unverzichtbares Instrument zur Annäherung an bestimmte Ideale. Schon unter den ersten Generationen von Muslimen genoss sie hohes Ansehen. In der Methodenlehre des Hadith zum Beispiel wurde jede Überlieferung vom Propheten Muhammed – Segen und Friede seien mit ihm – mithilfe eines kritischen Ansatzes auf die Korrektheit ihres Inhalts und die Zuverlässigkeit ihrer Überliefererkette hin überprüft (Hadithkritik [el-djarḥ wa’t-taʿdīl]). Aber auch in anderen islamischen Disziplinen spielte Kritik für die Wahrheitsfindung eine wichtige Rolle; etwa wenn es darum ging, die korrekte Bedeutung aus den Geboten Gottes zu destillieren und sie zu interpretieren. Diese kritische Herangehensweise fungierte als eine Art Filter, der den Islam vor Einflüssen schützte, die nicht mit ihm vereinbar waren. Die Disziplin der munāẓara (Vergleich und Diskussion von Gedanken) entwickelte sich im Laufe der Zeit weiter. Sie gestattete sehr fruchtbare Diskussionen, die immer neue Interpretationen hervorbrachten, welche dann ihrerseits ebenfalls kritisch durchleuchtet und anhand von festgelegten Kriterien geprüft wurden. Als Ergebnis erhielt man am Ende kristallklare Wahrheiten. Insbesondere bei der Prüfung der Zuverlässigkeit von Überliefererketten im Bereich des Hadith fiel reichlich Literatur an. Zahllose Werke und Bände gingen der Frage nach, ob Aussagen, die als Hadith überliefert wurden, wirklich vom Propheten – Friede sei mit ihm – genau so getätigt worden waren. Aber selbst bei diesem extrem sensiblen Thema achteten die Gelehrten darauf, unangemessene Bemerkungen und Bewertungen zu vermeiden. Schuʿbe ibn Hadjjadj beispielsweise zählte zu den Koryphäen der Hadithwissenschaft der klassischen Epoche. Er systematisierte die Kritik (naqd) erstmals als Fachdisziplin. Zur kritischen Beurteilung der Überlieferer und speziell eines seiner Kollegengelehrten sagte er einmal folgenden interessanten Satz: „Kommt, lasst uns ein wenig üble Nachrede auf dem Weg Gottes betreiben!“[1] Damit betonte er zum einen die Notwendigkeit und Unverzichtbarkeit der Kritik und gleichzeitig die Tatsache, dass diese Kritik einzig und allein um des Wohlgefallens Gottes willen geübt werden sollte. Diese kritische Methode, der es in erster Linie um eine möglichst enge Annäherung an die Wahrheit ging, war vor allem in den ersten fünf Jahrhunderten des islamischen Kalenders sehr erfolgreich, und sie kam sowohl in den religiösen als auch in den positiven Wissenschaften zum Einsatz. Aber auch in der Gegenwart kann sie durchaus Früchte tragen, sofern man sich bei ihrer Anwendung um Fairness, Respekt und Achtsamkeit bemüht.
Fairness und Unaufdringlichkeit
Kritik sollte aufrichtig, ohne Hintergedanken und möglichst höflich vorgetragen werden. Schließlich soll sie ja keine negativen Reaktionen hervorrufen, sondern Veränderungen zum Positiven bewirken. Wenn man jemandem angenehm höflich seine eigenen Gedanken zu einer bestimmten Frage oder plausible neue Lösungsansätze für ein Problem präsentiert und sagt: „Das ist meine Meinung zu dem Thema, aber wie ich sehe, kann man die Dinge auch anders sehen“, wird die kritisierte Person dies vermutlich zu schätzen wissen. Selbst wenn man ganz unterschiedlicher Meinung ist, wird sie möglicherweise über unsere Vorschläge und Einwände nachdenken und zu dem Ergebnis kommen, dass unser Vorschlag oder Einwand Hand und Fuß hat. Und in diesem Fall sollte man der Person dafür danken, so fair gewesen zu sein. Um völlige Aufrichtigkeit und Uneigennützigkeit zu bekunden, sollte man außerdem lernen, das eigene Ego zurückzustellen und die eigenen Erfahrungen und Kenntnisse nicht zu sehr zu betonen. Mit anderen Worten: Wenn man erwartet, dass vernünftige Vorschläge vernünftig aufgenommen werden, sollte man auch die nicht ganz so vernünftigen Gedanken anderer nach ihrer inneren Schlüssigkeit beurteilen und bereit sein, sie zu akzeptieren. Eine solche Bereitschaft schafft eine Atmosphäre der Aufrichtigkeit, die uns und andere für Wahrheiten aufgeschlossen macht.
Allgemeine Aussagen, die niemanden persönlich treffen
Die Geschichte hat gezeigt, dass Menschen, die die Gedanken ihrer Mitmenschen nicht respektieren und ihnen keinen Wert zumessen, dazu neigen, viele wertvolle Dinge zu zerstören, ohne es auch nur zu bemerken. Aus diesem Grunde sollten wir uns stets an den Grundsatz halten, dass alle Menschen es verdienen, mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt zu werden. Nur dann werden sie die Vorschläge und Einwände, die wir ihnen vortragen, auch akzeptieren können. Wenn wir ihnen hingegen mit unseren Argumenten – und seien sie noch so einleuchtend – „auf den Kopf schlagen“, werden sie das ganz bestimmt nicht positiv aufnehmen. Kritik, die nicht höflich formuliert ist, wird zwangsläufig versanden, auch dann, wenn das Verhalten der Kritisierten ganz offenkundig den grundlegenden, fest verwurzelten Lehren der Religion widerspricht. Wenn man zum Beispiel mitbekommt, dass sich ein Freund etwas angeschaut hat, was er sich besser nicht hätte anschauen sollen, sollte man ihn nicht unbedingt frontal mit seinem peinlichen Fehltritt konfrontieren und tadeln. Denn sonst wird er möglicherweise versuchen, seine unangemessenen Verhaltensweisen auch noch zu rechtfertigen. Wenn unser Gegenüber nicht für Kritik an seinem Handeln und Tun offen ist, würde sie nur auf Ablehnung stoßen und dafür sorgen, dass er sich der Wahrheit verschließt; unter Umständen würde sie sogar dazu führen, dass er seine eigenen Werte verleugnet. Möglicherweise versteht er zwar, dass das, was man ihm sagen möchte, der Wahrheit entspricht; doch wahrscheinlich wird er sich provoziert fühlen und verzweifelt nach Argumenten suchen, die ihn in unseren Augen besser dastehen lassen. Wer Kritik wie mit einer Keule über den Schädel gezogen bekommt, wird dadurch traumatisiert. Und er wird noch lange nach dem Zubettgehen darüber nachdenken, wie er die Kritik an seiner Person am besten beantworten könnte.
Daher sollten bestimmte Dinge auf indirekte Weise angesprochen werden, ohne dabei einzelnen Personen wehzutun. Wenn der Gesandte Gottes – Friede sei mit ihm – sah, wie jemand etwas Falsches tat, achtete er ebenfalls darauf, ihn nicht direkt anzugreifen. Stattdessen pflegte er in solchen Fällen eine Vielzahl von Menschen um sich zu scharen und ganz allgemein über diesen Fehltritt zu sprechen. Diese Vorgehensweise gestattete auch dem Kritisierten, sich die Lektion vorbehaltlos anzuhören. Bei einer Gelegenheit zum Beispiel behauptete ein Mann, der den Auftrag hatte, Steuern einzutreiben: „Dies hier sind die Steuergelder, die ich eingesammelt habe, und der Rest wurde mir als Geschenk übergeben.“ Als er das hörte, wandte sich der Prophet von der Kanzel herab an seine Zuhörer und erzählte ihnen ganz allgemein, er habe jemanden angewiesen, einen bestimmten Befehl Gottes auszuführen, und dieser Mann behaupte nun, ein Teil der eingetriebenen Gelder gehöre dem Staat und der Rest ihm selbst. Um zu zeigen, wie falsch diese Idee war, fragte der Prophet, ob man dem Mann diese Geschenke auch dann gemacht hätte, wenn er dieses Amt nicht bekleiden würde.[2]
Ganz wichtig ist auch die Frage, wer die Kritik äußert, von wem die Kritik kommt. Wenn man der Meinung ist, jemandem etwas klarmachen zu müssen, heißt das noch lange nicht, dass man es auch persönlich tun sollte. Manchmal empfiehlt es sich, dies einem anderen Menschen zu überlassen, der demjenigen, den man kritisieren will, freundschaftlich verbunden ist. Denn Kritik von einem Freund wird viel eher als Kompliment aufgefasst. Wenn davon auszugehen ist, dass man mit seiner Kritik auf Ablehnung stoßen wird, sollte man sie also von jemand anderem vortragen lassen; denn was wirklich zählt, ist, dass Kritik auf fruchtbaren Boden fällt, und nicht, wer die Kritik formuliert.
An dieser Stelle möchte ich eine Geschichte von den beiden Enkeln des Propheten – Friede sei mit ihm – anführen. Obwohl sich diese Geschichte von Hassan und Huseyn nicht in den zuverlässigsten Quellen des Hadith findet, vermittelt sie eine wichtige Lehre. Als die beiden Jungen ihre Gebetswaschungen verrichten wollten, sahen sie einen Mann, der mit Wasser um sich spritzte, sich aber nicht so wusch, wie es die Gebetswaschung erfordert. Da überlegten sich die beiden, wie sie ihm die korrekte Vorgehensweise zeigen könnten, ohne ihn zu beschämen. Am Ende einigten sie sich darauf, zu ihm zu gehen und ihn zu bitten, das Amt eines Schiedsrichters zu übernehmen: Sie beide würden nun die Waschungen vollziehen, und Er würde entscheiden, wer sie besser verrichtet. Dann wuschen sie sich genau so, wie es ihnen ihr Vater Ali ibn Abi Talib – möge Gott Wohlgefallen an ihm finden – beigebracht hatte. Als sie fertig waren, baten sie ihn um sein Urteil. Da gestand der Mann ihnen offen und ehrlich, dass sie beide es gut gemacht hätten, ganz im Gegenteil zu ihm selbst. Dies zeigt, dass vor allem die Art und Weise, wie man Kritik übt, maßgeblich dafür ist, ob sie letztendlich auch angenommen wird.
Erziehung zur Kritikfähigkeit
Ein anderer Aspekt dieses Themas ist, dass den Menschen beigebracht werden sollte, Kritik anzunehmen und wirklich zu respektieren. Die Gefährten, die ein Vorbild an Rechtschaffenheit waren, konnten sich gegenseitig vor Fehlern warnen, ohne dass sich einer von ihnen dadurch bloßgestellt fühlte. Umar ibn el-Khattāb – möge Gott Wohlgefallen an ihm finden – erinnerte seine Zuhörer einmal in einer Predigt daran, dass sich die Morgengabe für die Braut (mahr) in einem erschwinglichen Rahmen bewegen sollte, und forderte dazu auf, nicht zu hohe Summen zu verlangen. Seine Empfehlung war durchaus vernünftig und sollte möglichem Missbrauch vorbeugen. Auch heute noch kann eine verständnisvolle Haltung in dieser Frage einen wichtigen Beitrag zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems leisten. Doch unmittelbar nachdem Umar seine Empfehlung ausgesprochen hatte, meldete sich eine alte Frau zu Wort und fragte den Kalifen: „Umar, gibt es einen Koranvers oder ein Hadith zu diesem Thema, die du kennst und wir nicht? Im Koran steht doch nur: ‚Doch wenn ihr euch entschließt, eine Gattin zu entlassen und an ihrer Stelle eine (andere) Gattin zu heiraten, und ihr habt der Ersteren so viel gegeben, (dass es sich auf) einen (ganzen) Schatz (beläuft), dann nehmt nicht das Geringste davon zurück‘ (En-Nisāʾ, 4:20). Von einer Höchstgrenze für die Summe ist dort nicht die Rede.“ Daraufhin tadelte sich Umar, der doch immerhin Kalif eines mächtigen Staatswesens war, das die beiden Supermächte seiner Zeit herausforderte, laut hörbar selbst: „O Umar, du kennst deine Religion nicht einmal so gut wie eine alte Frau.“[3] Dieses außergewöhnlich hohe Maß an Aufrichtigkeit trug Umar den Ehrennamen el-waqqāf inde’l ḥaqq ein (Der, der innehält, wenn er der Wahrheit begegnet). Ein gutes Argument ließ ihn innehalten, so wie ein Auto nach einer Talfahrt plötzlich zum Stillstand kommt. Und genau diese Haltung gilt es bei den Menschen zu erzeugen. Ein Schritt dazu wäre zum Beispiel, dass wir mit einem guten Freund eine Verabredung treffen und ihm ausdrücklich gestatten, uns für jeden Fehler, den er in unserem persönlichen Gebaren und Verhalten erkennt, zu kritisieren.
Um es noch einmal zusammenzufassen: Wer jemanden kritisieren möchte oder bestimmte Dinge korrigieren will, sollte zunächst einmal genau wissen, wovon er spricht, und sich bemühen, seine Kritik möglichst präzise zu formulieren. Außerdem sollte er Rücksicht auf die Gefühle der kritisierten Person nehmen und ausloten, ob sie bereit ist, seine Kritik auch anzunehmen. Falls dies eher nicht der Fall zu sein scheint, sollte man nicht darauf beharren, die Person selbst auf ihre Schwächen aufmerksam zu machen, sondern stattdessen jemand anderen vorsprechen lassen, dessen Worte eher auf fruchtbaren Boden fallen dürften. Heutzutage, wo Hochmut weit verbreitet ist und selbst leise Kritik kaum ertragen wird, sind diese Grundprinzipien noch wichtiger als früher. Was die Kritisierten betrifft, so sollten sie vor allem darauf achten, dass sie sich ihre Aufrichtigkeit bewahren und die Kritik dankbar annehmen, statt sich ihr zu verschließen. Der berühmte Gelehrte Bediuzzaman empfahl einmal: Wenn uns jemand vor einem Skorpion warnt, der auf unserem Rücken hockt (wenn uns jemand davor warnt, einen Fehler zu begehen), sollten wir ihm dankbar sein. Solche Dankbarkeit ist ein Zeichen von Reife.
[1] Ebū Nuʿaym, Ḥilyetu’l-Ewliyā, 7/152; Hatīb el-Baghdādī, el-Kifāye fī ʿIlmi’r-Riwāye, 45; Ibn Baṭṭāl, Scherḥu Ṣaḥiḥi’l-Buḫārī, 9/247.
[2] Vgl. El-Buḥārī, el-aḥkām, Hadithnr.: 41.
[3] El-Buḫārī, Eymān, 3; Beyhaqī, Sunenu’l-Kubrā, 7/233.





