Hohe Positionen

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Menschen, die eine hohe Position bekleiden oder über hohes Ansehen verfügen, halten sich manchmal für etwas Besseres. Welche Grundsätze können helfen, solchen Hochmut zu vermeiden?

Wenn die Segnungen des Erhabenen auf uns herabregnen, empfinden die Kinder Adams, die aus einem bloßen Tropfen Flüssigkeit erschaffen worden sind, Dankbarkeit, Anerkennung, Demut und – egal welche Position sie bekleiden – Ergebenheit (nicht jedoch Hochmut). Worum es eigentlich geht, ist, sagen zu können, was Muhammed Lutfi Efendi (aus Alvar) einmal folgendermaßen formulierte: „Jeder ist gut, ich bin bös’, jeder ist Weizen, ich bin Stroh.“ Man mag diese Haltung als Bescheidenheit, Zurückhaltung oder Geringschätzung der eigenen Person bezeichnen; Fakt ist, dass im Schoße dieser Haltung das wahre Sein gedeiht. 

Ein Meteor könnte herabfallen! 

Wie schön auch folgendes Dichterwort ist: „Einem Samenkorn ist nur dann Gnade beschert, wenn es ins Erdreich einsinkt. Diejenigen, die wirklich bescheiden sind, wachsen und gedeihen durch die Barmherzigkeit Gottes.“ Ein Samenkorn, das nicht ins Erdreich einsinkt und sich nicht dem Zersetzungsprozess überlässt, um zu keimen, kann keine Keime austreiben und keine Früchte hervorbringen. Nur wenn es unter der Erde zusammengepresst wird, in der Erde aufgeht und seine eigenständige Existenz verliert, kann es unter Umständen eine zweite, neue Existenz erlangen. Unabhängig davon, wie jemand in der Gesellschaft angesehen ist – wahre Weisheit verlangt, dass man dies für sich erkennt.

Menschen, die eine solche Betrachtungsweise verinnerlicht haben, sind darauf vorbereitet, sich selbst zurückzunehmen, und werden deshalb selbst, so Gott will, die härtesten Prüfungen bestehen. Weder wird ihnen angesichts von Erfolgen schwindlig, noch lassen sie sich von Druck, Angriffen oder Beleidigungen entmutigen; denn wer sich selbst als ein Samenkorn im Erdreich betrachtet, macht sich nichts daraus, wenn andere über ihm stehen. Wer hingegen seinem Ego huldigt, missdeutet gern die Blicke und Gesten und das unschuldige Lächeln seiner Mitmenschen und lässt sich, wenn man ihn nicht so behandelt, wie er es erwartet, häufig schon durch Kleinigkeiten und Belanglosigkeiten verunsichern.

Wer sich mit einem Kokon der Hingabe umgibt und nur eine bescheidene Position im Erdreich für sich beansprucht, stört sich nicht daran, wenn man ihn brüskiert oder ignoriert. Diese Menschen werden solche Negativerlebnisse sogar als wohlverdient und als willkommene Gelegenheiten zur Selbstkritik bewerten. Wenn ihnen beispielsweise eine Walnuss auf den Kopf fällt, werden sie sagen: „Das geschieht mir ganz recht. In Anbetracht meines gegenwärtigen Zustands hätte es auch ein Meteor sein können.“ Sie zweifeln nicht daran, dass sich hinter jedem Ereignis eine Menge Weisheit verbirgt, weil der Allmächtige nie sinnlose, überflüssige Dinge veranlassen würde, sondern stets mit unendlicher Weisheit entscheidet.

Gerade in unserer Zeit, in der der Hochmut extrem überhandgenommen hat, sind Bescheidenheit, Demut und Zurückhaltung noch wichtiger also ohnehin schon, weil sich andere ein Beispiel daran nehmen können. Man denke nur einmal an Folgendes: Rosen wachsen nicht auf Rubinen, Smaragden, Korallen, Gold oder Silber. Zwar gehören diese Edelsteine und Substanzen zu den wertvollsten Stoffen, die sich, mit Seiner Erlaubnis, zu Lande oder zu Wasser gebildet haben. Aber Rosen wachsen nicht auf ihnen. Rosen wachsen im Erdreich. Auch der Prophet Muhammed, dessen Symbol ebenfalls die Rose ist, wurde aus Erde erschaffen, ebenso wie seine gesegneten Vorfahren. Wenn wir also schöne Rosen züchten möchten, müssen wir so bescheiden wie die Erde sein. 

Sich von Selbstsucht befreien

Es ist ganz entscheidend, dass wir uns in unseren Beziehungen zu anderen Menschen am Vorbild des Propheten orientieren; dass wir nicht der Versuchung erliegen zu glauben, anderen überlegen zu sein, sondern den Gedanken der Ergebenheit tief in unserem Charakter verwurzeln. Zum Beispiel sagte der erhabene Prophet einmal: „Wünsche anderen, was du dir für dich selbst wünschst, damit du zu einem Gläubigen (im wahrsten Sinne) wirst.“[1]

Wer so rücksichtsvoll, feinfühlig und großherzig ist, anderen zu wünschen, was er sich selbst wünscht, besitzt den Charakter eines wahren Gläubigen. Wer hingegen anderen missgönnt, was er sich selbst wünscht, und ihnen nur Dinge wünscht, auf die er selbst gut verzichten kann, schwankt fernab der schützenden Atmosphäre des authentischen Glaubens auf unsicherem Untergrund und kann jederzeit ins Straucheln geraten und stürzen. 

Darüber hinaus sollten wir stets eine gute Meinung vom Auftreten und Verhalten unserer Mitmenschen haben, selbst wenn wir es nicht unbedingt für korrekt halten. Wir sollten davon ausgehen, dass ihr Handeln bestimmte Gründe hat, die wir nicht kennen. Oder, um es anders auszudrücken: Wenn jemand etwas tut, was uns auf den ersten Blick falsch erscheint, sollten wir versuchen, eine plausible Erklärung dafür zu finden. Wer sich anderen Menschen mit dieser Haltung nähert, schützt sich davor, ihnen unbegründete negative Gefühle entgegenzubringen; auch das sollte ein starker Anreiz für uns sein, gut von anderen zu denken. Abgesehen davon gilt: Nur wer so denkt, ist auch davor gefeit, sich auf die eigene Leistung etwas einzubilden. 

Bescheidenheit tief im Charakter verwurzeln 

Es sollte jedem bewusst sein, dass wir Bescheidenheit nur durch eine gute Erziehung und Schulung tief in unserem Charakter verwurzeln können. Aus diesem Grunde sollten wir bei Gottes Namen „Ar-Rabb“ (Der Herr – als Schöpfer, Unterweiser, Erzieher und Lenker aller Geschöpfe) Zuflucht suchen, uns in die Obhut unseres Herrn begeben und uns mit aller Entschlossenheit eine vorbildliche Moral aneignen, die im Einklang mit Seinen Weisungen und Geboten steht; zudem sollten wir Tag für Tag prüfen, ob wir den Ansprüchen der Religion genügen. Natürlich ist es von großer Wichtigkeit, standhaft und unbeirrbar zu sein. Wie der Gesandte Gottes sagte: „Die liebenswerteste Tat vor Gott ist die regelmäßig verrichtete, mag sie auch noch so unbedeutend sein.“[2]

Ein steter Tropfen vermag bekanntlich sogar Marmoroberflächen auszuhöhlen; und in dieser Hinsicht sind vor allem die Zügelung des fleischlichen Selbst, spirituelles Training und eine kontinuierliche Teilnahme an religiösen Gesprächen unverzichtbar. Es gab eine Zeit in der Geschichte, da zeigten sich die traditionellen Medressen und die Sufiorden für alle Bereiche des Lebens zugänglich und erfüllten gemeinsam ihre Pflicht. Wer sich damals ganz ihrer Ausbildung und Anleitung überließ, konnte zu einem wahren Menschen heranreifen, indem er ein ernsthaftes spirituelles Training durchlief und seinem Verstand, Herz und Geist Raum zur freien Entfaltung ließ. Diese gesegneten Orte ermöglichten dem Intellekt, sich unter den gegebenen Bedingungen mit wissenschaftlichen Fragen vertraut zu machen, und sie zeigten den Eingeweihten Wege auf, wie sie sich zu den Horizonten von Herz, Geist und sirr (Mysterium – eine spirituelle Veranlagung) aufschwingen konnten. Denn wenn die Dinge einzig und allein nach Maßgabe der Vernunft bewertet werden, verfängt man sich zwangsläufig in den engen Grenzen des rationalistischen und des muʿtazila-Denkens. Ob Menschen, die diesen Denkschulen folgen, anderen Menschen wirklich fundierte Orientierung bieten können, lässt sich sehr schwer beurteilen. Wenn es hingegen jemand geschafft hat, den Herzen der Menschen den Geist der Wahrheit einzuhauchen, dann diejenigen, die an den Horizonten von Herz und Geist gelebt haben. 

[1] Tirmiḏī, Zuhd, 2; Ibn Mādje, Zuhd, 24.

[2] El-Buḫārī, Riqāq, 18.