İçindekiler
In der heutigen Zeit werden Frauen stärker unterdrückt und benachteiligt als je zuvor. Zudem leiden sie als „Heldinnen des Mitgefühls“ förmlich mit jedem einzelnen Unterdrückten mit. Woraus können sie Kraft schöpfen? Und: Im Koran werden gläubige Männer und die Hidjra der Männer in den höchsten Tönen gelobt, aber was ist mit den Frauen?
Frauen sind der Inbegriff des Mitgefühls. Sie zeigen diese Herzensgüte nicht nur ihren Kindern gegenüber, sie ist auch im Dienst für Gott von elementarer Bedeutung. In Anlehnung an die sechs Säulen des Glaubens gibt es auch sechs Säulen des Dienstes am Glauben und am Koran, zu denen auch das Mitgefühl zählt: sich der eigenen Schwäche bewusst sein (adjz), sich in die Lage von Bedürftigen hineinversetzen (faqr), Begeisterung (schewq), Dankbarkeit (schukr), tiefe Kontemplation (tefekkur), also die Folgen bedenken und Einzelheiten berücksichtigen, sowie das Mitgefühl bzw. Barmherzigkeit (schefqat).[1]
Anderen gegenüber mitfühlend zu sein, ist äußerst wichtig. Jeder Mensch sollte mitfühlend sein, aber Frauen sind besonders mitfühlend. Frauen zeigen dies zunächst einmal gegenüber ihren Kindern; während sie noch im Mutterleib sind, verbergen sie sie sogar förmlich vor ihren eigenen Blicken. Sie scheuen keine Mühe, um ihre Babys zu schützen. Männer können die Tiefe dieser Empfindungen nur erahnen! Ihre Fürsorge ist ohnegleichen, immer sind sie auf der Hut, dass dem ungeborenen Leben nichts zustößt. Nach der Geburt liebkosen und herzen sie ihre Babys und drücken sie liebevoll an sich; weint das Baby nachts, stehen sie auf und beruhigen es.
Mütter zeigen dieses Mitgefühl auch, wenn die Kinder schon erwachsen sind. Wir alle haben erlebt, wie sehr sich ein Vater, aber insbesondere eine Mutter um ihr Kind sorgt. Qitmir [der Autor meint sich selbst][2] hat dies auch selbst erlebt. Einmal hat mich meine Mutter angerufen, aber sie redete am Telefon so verworren, dass ich sie nicht verstehen konnte. Mein Onkel […][3] war bei ihr, deshalb sagte ich zu ihr: „Gib ihm das Telefon, er soll mir erzählen, was du mir sagen wolltest.“ Sie hatte nicht mehr die Kraft, mir das zu sagen, was sie auf dem Herzen hatte, sie erlag gewissermaßen ihrer Herzensgüte. Auch Väter lieben, aber das Mitgefühl von Müttern ist etwas ganz anderes.
In der heutigen Zeit scheinen Frauen förmlich darum zu wetteifern, wem sie ihre Herzensgüte zeigen: ihren eigenen Kindern, Verwandten und Freunden oder ihren Glaubensbrüdern und -schwestern. Sie kümmern sich um Arme, kochen Essen, backen Brot und verkaufen es anschließend, um mit dem Erlös Unterdrückten und Benachteiligten in ihrer Not beizuspringen. Das nennt man „wechselseitige Hilfe“ und Mitgefühl!
Keine Frage: Die Ungerechtigkeiten haben heute ein Höchstmaß erreicht. Wir werden mit Umständen und Anblicken konfrontiert, die uns Schmerz bereiten, tief im Innern bewegen und unser Mitgefühl ansprechen. Würde ein Picasso ein Bild malen, das die allgemeine Situation darstellt – alle Betrachter dieses Bildes wären zu Tränen gerührt, würden schluchzen und sich wehklagend niederwerfen. Die Lage ist natürlich viel komplexer als wir es je ausdrücken könnten. Würde man sie bildlich treffend darstellen – der Ekel und der Schrecken angesichts dessen würde unsere momentane Abscheu um ein Vielfaches übertreffen; man würde mit Hass darauf regieren.
Zehntausende, die von ihrer Familie getrennt und in Gefängnisse geworfen wurden, die an abgelegenen Orten auf Familienzusammenführung hoffen, oder die sich in relativer Sicherheit befinden, aber unter Tränen mitleiden und alles in ihrer Kraft Stehende tun, um zu helfen. Zehntausende wie die ehrwürdige Hagar: von ihrem Mann getrennt, ins Gefängnis geworfen, ihre Kinder verloren, von ihren Kindern getrennt, allein auf weiter Flur auf Familienzusammenführung wartend. Tausende von Unterdrückten und Benachteiligten …
Als der ehrwürdige Abraham die ehrwürdige Hagar damals an den besagten Ort führte, geschah dies auf Geheiß Gottes hin. Da die ehrwürdige Hagar dies wusste, sagte sie: „Gott der Erhabene hat geboten, mich hierherzubringen, und Er wird mich hier nicht im Stich lassen.“ Aus diesem Grund verlor sie nie die Hoffnung. Nur der ehrwürdige Ismael weinte und stampfte mit den Füßen auf den Boden – er war schließlich noch ein Kind. Da lief sie zwischen Safa und Marwa hin und her und rief nach Wasser: „Mā, mā, mā!“ War das Hebräisch oder Aramäisch? Ich denke, hier geht es wieder um das mū[4], es bedeutet Wasser. Und sā – Wald. Das Wort Mūsā (Moses) bedeutet somit „Wasser und Wald“. Vermutlich hat sie etwas in dieser Art gesagt. Sie lief von Safa nach Marwa und von Marwa nach Safa. Als sie schließlich zu ihrem Kleinen zurückkehrte und sich liebevoll über ihn beugte, sah sie das Wasser unter seinen Füßen …
Kann man mit seinen Fußsohlen Wasser hervorbringen? Eigentlich sucht man in diesen Breitengraden mit Sonden nach Wasser. Aber der Wille Gottes geschieht. Wie der ehrwürdige Moses (Mūsā) mit seinem Stab an den harten Felsen schlug und aus zwölf Öffnungen Wasser hervorsprudelte, so entsprang auch unter den Füßen dieses gesegneten Jungen Wasser. Gott segne diesen Jungen! Er war erstens der Sohn des ehrwürdigen Abraham, zweitens der Sohn der ehrwürdigen Hagar und drittens der Vorvater des Herrn der Herren. Unser Herr ist die Frucht dieses gesegneten Keims. Als der ehrwürdige Ismael mit dem Fuß auf den Boden stampfte, entsprang dort Wasser.
Und die gesegnete Hagar? Erstens: Sie beugte sich dem Willen Gottes. Zweitens: Sie richtete sich nach dem Gebot des Propheten. Drittens: Sie wurde allein zurückgelassen und alle scheinbaren hilfeleistenden Ursachen waren vollständig ausgefallen. Das Offenbarwerden des Geheimnisses der Einzigartigkeit Gottes[5] unter dem Licht Seiner Einheit – und sofort sprudelt Wasser hervor. Als die ehrwürdige Hagar all dies sah, wurde sie von tiefer Zuversicht erfüllt. Heute ein gleiches Maß an Glaubenstiefe, Ergebenheit, Gottvertrauen, Erwartungshaltung gegenüber Gott und Zutrauen zu erwarten, wäre nicht richtig. Ich will damit nicht sagen, dass die Menschen, die sich heute [im Dienst für Gott] engagieren, diese Eigenschaften nicht besäßen. Allerdings ist es nur angemessen, sich des Charakters der ehrwürdigen Hagar zu erinnern. Sie verfügte über besondere Manifestationen, daher konnte sie es erdulden, allein an einem unwegsamen Ort zurückgelassen zu werden. Ein Mensch, eine Frau, die Frau eines Propheten …
Auch wenn sie sich in relativer Sicherheit befinden, erleiden Hunderttausende von Frauen, „Heldinnen des Mitgefühls“, tiefen Schmerz, leiden unter Tränen mit und tun alles in ihrer Macht Stehende, um zu helfen.
Keine gute Tat verachten
Ich will es nochmals betonen: Frauen sind Heldinnen des Mitgefühls. Das Mitgefühl ist eine Manifestation der göttlichen Barmherzigkeit und Seines Erbarmens. Das bedeutet, dass Gott der Erhabene im Diesseits und im Jenseits alles Lebende mit Seinem Erbarmen, Seiner Güte förmlich umarmt – man entschuldige meine Ausdrucksweise – unter Seine Obhut nimmt und unter Seinen Schutz stellt. Frauen zeigen diese erhabenen Manifestationen; Menschen sehen dies, wenden sich ihnen von Herzen zu und öffnen ihre Hände zum flehentlichen Gebet. Der Kenner des Verborgenen (ʿallāmuʼl-ghuyūb), Gott der Erhabene, sieht es und auch die Hohe Versammlung der Engel in den Himmeln (mele-i aʿlā) sieht es. Und sogar vollkommen Ungebildete, wie ich es bin, sehen es …
In meiner Fantasie male ich mir das aus – ich sage bewusst in meiner Fantasie, niemand möge das falsch verstehen –, bete für diese Frauen und fühle mich ganz klein dabei. Sie dort, voller Schmerz, weinen und schluchzen; sie weinen um ihre Kinder. Das Kind spricht nicht mehr, sein Schluchzen bleibt ihm im Halse stecken, wenn es an seine Mutter und an seinen Vater denkt. Menschen, die um ihre Partner, ihre Mütter oder ihre Väter weinen. Da in der jetzigen Krise sozusagen das Immunsystem zusammengebrochen ist, werden massenweise Menschen getötet, ich spreche bewusst von „töten“, sie fallen Krankheiten zum Opfer, sterben an Hirnblutungen oder einfach an Herzstillstand … All dies verursacht Pein in den Herzen von Menschen, die noch ein Gewissen haben; auch sie weinen und seufzen. Und diese Tränen werden nicht umsonst sein. Sie haben einen solch hohen Wert in den Augen des Erhabenen – versuchte ich diesen Wert hier zu beschreiben, es wäre völlig unzureichend. Sie würden sagen: „Bei ihm hört sich das so belanglos an. Aber wenn man sich ansieht, welche Ehrengaben Gott der Wahre für diesen Eifer und diesen Einsatz bereithält …!“
Der großzügige Gesandte, unser Herr, der Prophet (Friede sei mit ihm), verfügte: „Habe Ehrfurcht vor Gott, verhalte dich Ihm ergeben, suche bei Ihm Zuflucht und nimm nichts, was gut ist (maʿruf), auf die leichte Schulter!“ Maʿruf bezeichnet alles, was Gott gebietet und dir auferlegt wurde.
Es mag zwar wenig aussehen, aber in Anbetracht ihrer Kräfte und Möglichkeiten, bewirken sie Großartiges. Die Menschen geben alles, was sie haben und sagen: „Ist schon okay, Gott ist der Großherzige, Er wird auch für mich sorgen.“ Der eine gibt den Wohnungsschlüssel, ein anderer legt einem Bedürftigen etwas vor die Tür, heimlich, damit es niemand sieht, und hinterlässt nur einen Zettel, auf dem steht: „Bitte nehmt das, ich weiß, dass ihr es gebrauchen könnt!“ Es gibt viele solche Begebenheiten. Die Menschen nehmen diese Hilfe an, weil sie wirklich Not leiden. Aber diese Hilfsbedürftigkeit ist schwer für sie zu ertragen. Sie sagen: „Jetzt sind wir auf die Hilfe anderer angewiesen. Wenn sich niemand um uns kümmern würde – allein würden wir es nicht schaffen …“ Das alles bereitet ihnen natürlich Pein. Die Helfer machen sich auch Sorgen – kollektives Leiden. Millionen von Menschen teilen dieses Leid. Sie haben Verwandte und Bekannte, Freunde, Menschen, mit denen sie bis heute gut zurechtkamen, Menschen, auf die sie nichts haben kommen lassen. Eigentlich war diesen Menschen auch nichts vorzuwerfen, aber jetzt wundert man sich, wie schlecht über sie geredet wird, wie sie diffamiert werden von Menschen schwarzer Seele. Das ist wirklich nicht leicht. Deshalb sollte man die Angelegenheit ein wenig aus dem Blickwinkel des Erhabenen betrachten.
Die Erwähnung von Frauen im Koran
Die ehrwürdige Umm Seleme hat unseren Herrn, den Propheten, bezüglich der Erwähnung von Frauen im Koran befragt: „O Gesandter Gottes, im Koran wird die Hidjra der Männer gelobt, aber über die Hidjra der Frauen wird kein Wort verloren. Es wird mehr über Männer berichtet als über Frauen.“
Der Koran berichtet über Begebenheiten meist im arabischen taghlīb-Stil: Ein bestimmtes Wort birgt eine weitere Bedeutung in sich. Zum Beispiel schließt das Wort „Eltern“ sowohl Vater als auch Mutter ein. Da alles, was der taghlīb-Stil beschreibt, im genus masculinum ausgedrückt wird, könnte man den Eindruck gewinnen, die Verse des Korans drehten sich nur um Männer. Eigentlich bedeutet der taghlīb-Stil Folgendes: Bei der gemeinsamen Erwähnung zweier Dinge oder Personen wird der Dual verwendet. Das muss nicht immer bedeuten, dass das Geringere dem Größeren beigeordnet wird. Spricht man beispielsweise von Sonne und Mond, sagt man „zwei Monde“ (qamarayn) – der Größere wird dem Kleineren beigeordnet.[6] Die Sira-Literatur verwendet den Ausdruck „zwei Umar“ (umarayn), wenn von den ehrwürdigen Ebū Bekr und Umar gesprochen wird, was keinesfalls eine Herabwürdigung des ehrwürdigen Ebū Bekr bedeutet. Imam Rabbānī schreibt in seinem Mektubāt: „Auch ihre Tugenden entsprechen der Reihenfolge ihres Kalifats; entsprechend ihrer Göttlichkeit war ihr Grad. Ebū Bekr und Umar und Uthman und Ali.“ Würde man dies im taghlīb-Stil ausdrücken, würde man umarayn sagen – die „zwei Umar“.
Trotzdem wünschte sich die ehrwürdige Umm Seleme sehr, dass auch der Koran deutlicher und im Besonderen von Frauen spricht. Ihrem Wunsch wurde entsprochen, und eine Reihe von entsprechenden Versen wurde offenbart. Es gibt außer diesen noch weitere Verse, in denen Gott sich so ausdrückt. Der Vers, auf den wir Bezug genommen haben, ist dieser aus der Sure El-Aḥzāb: „Wahrlich, alle Männer und Frauen, die sich Gott ergeben, und alle wahrhaft gläubigen Männer und alle wahrhaft gläubigen Frauen und alle hingebungsvoll gehorsamen Männer und alle hingebungsvoll gehorsamen Frauen und alle Männer und Frauen, die aufrichtig und wahrheitsliebend sind in ihrer Rede, und alle Männer und Frauen, die standhaft sind, und alle Männer und Frauen, die demütig sind, und alle Männer und Frauen, die etwas hingeben als Almosen, und alle Männer und Frauen, die fasten, und alle Männer und Frauen, die ihre Keuschheit wahren, und alle Männer und Frauen, die Gottes oft gedenken und Ihn häufig erwähnen – für sie (alle) hat Gott Vergebung bereitet und einen unermesslichen Lohn“ (El-Aḥzāb, 33:35).
Ebendieser Vers der Sure El-Aḥzāb wurde aufgrund der Frage der ehrwürdigen Umm Seleme offenbart. In Verbindung mit jeder Tugend werden sowohl Männer als auch Frauen erwähnt. Auch in anderen Versen wird das ähnlich ausgedrückt, das ist nicht nur auf diesen einen Vers beschränkt. Es wird hier also kein Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht.
Kein Unterschied zwischen Mann und Frau
Nebenbei bemerkt: Unterschiede sind das Ergebnis militaristischer Anschauungen in verschiedenen Kulturen und Staatssystemen. Ein Beispiel: Die ehrwürdige Āische war die Tugendhafteste aller Frauen, die Loyalste, die Reinste, die Unantastbarste. Die anderen Frauen stehen ihr in nichts nach. Aber sie – möge Gott Gefallen an ihr finden – war die Tochter des ehrwürdigen Ebū Bekr (Siddīq el-Ekbar) und die noch junge Ehefrau unseres Herrn, des Propheten. Sie wuchs in einem Umfeld auf, das förmlich von den herabströmenden Wassern der Offenbarung getränkt war; sie war ein Setzling, der auf diesem Boden gedieh und schließlich zu einer stattlichen Zypresse heranwuchs. Das sollte man im Blick haben, wenn man der ehrwürdigen Āische gedenkt: Sie war ein Setzling im Heim des Propheten, gewässert vom segensreichen Regen der Offenbarung. Sie war nach dem ehrwürdigen Ebū Hureyra diejenige, die uns die meisten Hadithe übermittelt hat; mit anderen Worten: Die Hälfte unserer Religion haben wir von ihr erhalten. Sie hat Begebenheiten überliefert, die insbesondere für Frauen von Interesse sind.
Es gibt so viele Gefährten, die von ihr überlieferte Hadithe wiedergegeben haben! Sogar herausragende Persönlichkeiten der Schule von Kūfa – von Eswed ibn Yezid en-Nachaʿī bis hin zu Ṭāwūs ibn Kaysān – beziehen sich auf von ihr überlieferte Hadithe. Sie gilt als Mutter aller Gläubigen, als unsere Mutter, so besonders ist sie. Keiner Frau nach ihr wurde diese Ehre zuteil. Trotzdem sagt der Koran: „O ihr Frauen des Propheten! Ihr seid nicht wie die anderen Frauen, vorausgesetzt ihr hütet euch vor Ungehorsam gegen Gott in Ehrfurcht vor Ihm und in Frömmigkeit. Darum seid darauf bedacht, nicht zu entgegenkommend in eurer Rede zu sein (wenn ihr zu Männern sprecht), damit nicht der, in dessen Herzen eine Krankheit ist, sich zu sehnsüchtigen Vorstellungen hinreißen lässt, und sprecht in geziemender Weise“ (El- Aḥzāb, 33:32). Um nicht bei Menschen, deren Herz krank ist, etwas auszulösen, sprechen sie hinter der maqsura, einer abgetrennten Loge in der Moschee. Und es wird ihnen geraten, ihre Stimmen so anzupassen, wie es sich geziemt.
Eigentlich besteht kein Unterschied zwischen Mann und Frau. An einigen Orten werden kulturbedingt Unterschiede gemacht. Zum Beispiel setzte sich die ehrwürdige Āische eine Zeit lang selbst aufs Pferd, widersetzte sich dem ehrwürdigen Ali und übernahm das Kommando. Wäre so etwas heutzutage noch denkbar? Schauen wir uns doch im Gegensatz zu zivilisierten Ländern die unzivilisierte islamische Welt an: Menschen, die am Boden liegend auf dem Weg des Propheten dahinkriechen. Ist das die Möglichkeit?! Wir sind [was die Gleichheit von Mann und Frau betrifft] sehr rückständig. Vielleicht haben wir [die Frauen] in gewisser Weise eingesperrt. Ich denke, das ist das Ergebnis militaristischer Anschauungen. Ansonsten stehen sie ja – im wahrsten Sinne des Wortes – mitten im Leben. Aber wie weit? Sie haben Kinder und natürlich die Hausarbeit. Zudem setzen sie sich entsprechend ihrer Möglichkeiten – gemäß dem Willen und der Gnade Gottes –, so wie Männer auch, im Dienst für Gott ein; auch sie kümmern sich, halten stand und erledigen notwendige Arbeiten – ganz so wie Männer auch.
So weit zu diesem Nebengedanken. Eigentlich machen wir die Unterschiede. Wie schon an anderer Stelle von mir ausgeführt: Auch wenn man von „fitne“ spricht, sollte das nicht als Herabwürdigung verstanden werden, es bedeutet vielmehr „Bestandteil der Prüfung“ für Männer.[7] Da meist Männer diese Prüfung verlieren, bedeutet es „Bestandteil, die Prüfung zu verlieren“. Eine ungezügelte Lebensweise bzw. die Boheme zwingt die Menschen in die Knie und lässt sie umherkriechen. Das hat natürlich etwas mit diesem Bestandteil zu tun, ist eine Folge davon. Sollte es denn tatsächlich – Gott bewahre! – „fitne“ geben, dann hat man heute eine beispielhafte Fraktion, die ihre Nase da hineinhängt, und wir alle sehen es.
Zum Thema zurück: Nichts, was Frauen erdulden oder was sie an Gutem vollbringen, wird – gemäß Gottes Willen und Seiner Gnade – vergeblich sein. Gott verheißt ihnen und allen anderen: „Gott hat von den Gläubigen ihr Leben und ihren Besitz erkauft, denn der Paradiesgarten soll ihnen zuteilwerden. Sie kämpfen für Gottes Sache …“ (Et-Tauba, 9:111). Heute wird nicht gekämpft, man setzt sich auf dem Weg Gottes ein. Sie strengen sich an, den grundlegenden Disziplinen und Regeln des Korans zu entsprechen, und ringen mit ihrem nefs. Sie setzen sich dafür ein, jedem die offenkundige Religion des Islams näherzubringen. Sie treffen sich, sprechen über Gott und stärken sich im Glauben. Es wird hierbei kein Unterschied gemacht zwischen Mann und Frau. Zusätzlich zur Kindererziehung und zu den Arbeiten im Haushalt schultern sie auch Aufgaben, die Männer haben, und unterstützen sie gemäß dem Willen und der Gnade Gottes dabei.
Ausgeglichenheit ist angesagt. Der gerade Weg (ṣirāt el-musṭaqīm) ist der Weg der Ausgeglichenheit. Davon abzuweichen würde zu Extremen in der einen oder anderen Richtung führen. Manch einer hat die Balance verloren. Extreme bedeuten ein Abweichen vom geraden Weg. „O mein Gott, führe uns auf den Weg der Geradheit und hilf uns, festen Schrittes darauf zu bleiben und nicht davon abzuweichen!“
Repräsentantinnen der ehrwürdigen Khadīdje, Āische und Hagar
Meiner Meinung nach sind Frauen Männern auf vielen Gebieten überlegen. Sie sind Repräsentantinnen der ehrwürdigen Āische, Khadīdje und Hagar. Gott wird unterdrückte und benachteiligte Frauen nicht im Stich lassen; keines ihrer Opfer und keine ihrer guten Taten wird vergeblich sein. Wir beten, ohne irgendwelche Unterschiede zu machen: „O mein Gott, hilf uns, hilf unseren Brüdern und Schwestern auf der weiten Welt, steh allen unseren Freunden und Freundinnen bei!“ Wir gedenken in unseren Gebeten, ohne Unterschiede zu machen, unseren Brüdern und Schwestern, Freunden und Freundinnen, männlichen und weiblichen Unterstützern, uns zugeneigten und mit uns sympathisierenden Männern und Frauen, allen, die sich in irgendeiner Form eingesetzt haben – ganz im Geiste des oben erwähnten Verses. Möge Gott der Wahre ihnen allen und uns im Dienst für Gott und den Koran auf dem Weg des Propheten Kontinuität gewähren, auf dem Weg von Ebū Bekr und Umar und Uthman und Ali.
Das wahre Muslimsein ist ihr Weg: Ebū Bekr hinterließ keinen Obelisken, als er ging. Umar hinterließ keinen Obelisken, als er ging. Er hatte zwei Supermächten gezeigt, wo es langgeht, zwei Supermächten, und das in weniger als zehn Jahren. Damals gab es keine Panzer, keine Kanonen, keine Flugzeuge, Schiffe usw. Was sie hatten, waren Esel – ich bitte meine Leser um Nachsicht –, Kamele, Reittiere. Auf deren Rücken dauerte eine Reise, die man heute in einer Stunde zurücklegt, einen Monat. Bei diesen Feldzügen blieb niemand zurück, Mann und Frau zogen gleichermaßen aus. Die Gefährten würden einwenden: bis auf Hind, die Frau von Ebū Sufyan, der erst zwei oder drei Jahre zuvor Muslim geworden war. Sie gehörte zu den Umayyaden und war bis zur Einnahme Mekkas ein erbitterter Feind des Gesandten Gottes. Aber am Jarmuk war sie dann an seiner Seite. Einmal kamen die Gegner bis vor die Zelte der Muslime. In diesem Moment zog auch sie ihr Schwert und kämpfte an der Seite ihres Mannes Ebū Sufyan gegen die Byzantiner. Sie waren siegreich, die Byzantiner flohen Hals über Kopf – Männer wie Frauen.
[1] Vgl. Bediuzzaman, Kleine Briefe zu großen Geheimnissen des Korans, S. 92–93, Fußnote 98: „Grundprinzipien wie Machtlosigkeit, Armut, Dankbarkeit, Begeisterung, Barmherzigkeit und Kontemplation können seiner [Bediuzzamans] Ansicht nach auch direkt aus dem Koran abgeleitet werden, was dem Suchenden ermögliche, schneller zu Gott zu finden.“
[2] Gülens Bescheidenheit mag abendländischem Verständnis merkwürdig anmuten. In Anlehnung an die Sufi-Tradition vergleicht er sich ab und zu mit dem Hund (qiṭmīr) der Sieben Schläfer. Dem Koran zufolge war dieser Hund einer der Sieben Schläfer (siehe Sure el-Kehf, 18:18, 22).
[3] Mein Onkel väterlicherseits ist vor Kurzem verstorben; ich vermute, er konnte den Kummer nicht länger ertragen. Er war zwei Jahre älter als ich und auch mein Milchbruder.
[4] Der Autor verweist darauf, dass die Muttersprache der ehrwürdigen Hagar Koptisch war, also weder Hebräisch noch Aramäisch (Anm. d. Red.).
[5] Die Einheit Gottes (tewhīd) als gemeinsamer Nenner aller monotheistischen Religionen im Gegensatz zur Einzigartigkeit Gottes (ehadīye): Wahidiyet kennzeichnet die Einheit Gottes, die sich sämtlich in der ganzen Schöpfung reflektiert. Ehadiyet hingegen ist die Einheit Gottes, die sich gesondert in jedem Ding widerspiegelt. Beispielsweise spiegelt sich die Sonne im ganzen Sonnensystem, auch auf der Erde. Diese ganzheitliche Widerspiegelung wird als wahidī-Reflexion bezeichnet. Sie ist aber für einen gewöhnlichen Betrachter nicht leicht zu begreifen. Um diese Einheit zu begreifen, müsste man das ganze Sonnensystem in einem Gesamtblick erfassen. Es gibt aber eine andere Art der Widerspiegelung der Sonne, die sich als Einheit in jedem Ding reflektiert. In jedem kleinen Glasstück, ja sogar in den Augen von großen und kleinen Tieren kann man die Widerspiegelung der Sonne erkennen. Diese Art von Widerspiegelung wird ehadī-Reflexion genannt. Obwohl die Sonne einzig ist, ist sie im Spiegel jedes Dinges mit ihrer Hitze, Wärme und ihren Farben einzigartig erkennbar. Diese persönliche ehadī-Reflexion wiederum ist leicht wahrnehmbar. Wenn der Diener sich von all den scheinbaren Helfern und Ursachen kategorisch abwendet und sich zur absoluten Einheit Gottes hinwendet, wendet sich auch Gott der Erhabene mit Seiner besonderen, persönlichen Einheit dem Diener zu und rettet ihn auf einzigartige Art und Weise. Ehadī-Reflexionen sind barmherzige, fürsorgliche und schönheitliche Reflexionen (Anm. d. Red.).
[6] Qamar heißt Mond, Schems Sonne.
[7] Männer pflegen bei ihren Bittgebeten darum zu bitten, dass Gott sie vor der Versuchung (fitne) der Frauen beschützen soll (Anm. d. Red.).





