İçindekiler
Bediuzzaman spricht von vier Worten beziehungsweise Begriffen, deren Sinn er im Laufe von vierzig Jahren seines Lebens erfasst habe; einer davon sei die „aufmerksame Betrachtung“ (naẓar) gewesen. Was genau hat es damit auf sich, wodurch zeichnet sie sich aus?
In seinem Werk Al-Mathnawi al-Nuri (Saatbeet des Lichts) spricht Bediuzzaman vier wichtige Begriffe an: maʿnā-yi ismī (für sich selbst stehende Bedeutung), maʿnā-yi harfī (Bedeutung, die sich aus dem Kontext ergibt), Absicht und aufmerksame Betrachtung.[1] Da diese Begriffe eng miteinander verbunden sind, wenden wir uns zunächst kurz den ersten drei zu, bevor wir dann zu unserem eigentlichen Thema kommen.
maʿnā-yi ismī und maʿnā-yi harfī
Diese beiden Begriffe entstammen der arabischen Grammatik. Jedes ism (Substantiv) besitzt eine eigene Bedeutung. Wenn man es ausspricht, versteht der Gesprächspartner, was es meint. Ein harf hingegen ist ein Wort oder Wortteil, das für sich allein über keine eigene Bedeutung verfügt, er kann ohne Kontext nicht verstanden werden. Präpositionen wie „mit“, „von“, „nach“ oder „in“ beispielsweise sind auf ein Bezugswort angewiesen. Sie ergeben nur dann einen Sinn, wenn sie mit anderen Worten verknüpft sind. Bediuzzaman widmet sich den Begriffen djuz (Teil) und kull (Ganzes) sehr eingehend, und in diesem Zusammenhang interpretiert er auch die Konzepte maʿnā-yi harfī und maʿnā-yi ismī neu, die in seinen Augen Schlüsselkonzepte für die Interpretation des Seins sind. Er hält es für falsch, aus der maʿnā-yi ismī–Perspektive auf das Universum zu schauen, das heißt, die Dinge als separate Einheiten oder als bloße Produkte von Ursachen zu betrachten. Stattdessen plädiert er dafür, sich anzusehen, worauf die Dinge im Universum verweisen: Die Segnungen, die uns zuteilwerden, sollten uns an denjenigen erinnern, der sie uns sendet, die Schönheit und Kunstfertigkeit in der Schöpfung sollten uns den Wahren Künstler und die Ursachen den Wahren Erschaffer dieser Ursachen ins Gedächtnis rufen.
Die Absicht verändert das Wesen des Handelns
Die Absicht vergleicht Bediuzzaman mit einem Elixier, das alltägliche Gewohnheiten und Handlungen in Gottesverehrung und Dienst verwandelt, und mit einem Geist, der trostlosen Zuständen neues Leben einhaucht, indem er sie mit der Anbetung verknüpft. Er macht außerdem geltend, dass die Absicht sogar darüber entscheiden kann, ob es sich bei einer Tat um eine gute oder eine schlechte Tat handelt. Auch wer eine falsche Entscheidung trifft, darf auf spirituellen Lohn hoffen, sofern dieser Entscheidung eine aufrichtige Absicht zugrunde lag. Es gibt bestimmte Punkte in der Religion, deren Klärung dem Fluss der Zeit überlassen ist. Wenn Zeiten und Umstände Ungewissheiten entstehen lassen, müssen Disziplinen und Grundsätze „in die Bresche springen“, die im Einklang mit dem Geist der Religion stehen. Dann schlägt die Stunde des idjtihāds (dem Ableiten von Rechtsurteilen aus den fest verwurzelten Prinzipien von Koran und Sunna zur Anpassung an neue Umstände) und der mudjtehidun (Sing. mudjtehid, der Gelehrten, die dazu fähig sind, neue Regeln abzuleiten). Der mudjtehid wird für seine aufrichtige Absicht selbst dann belohnt werden, wenn er nicht die richtigen Entscheidungen trifft.
Wenn jemand hingegen nicht um des Wohlgefallens Gottes willen handelt, sondern um seinen eigenen Ruhm zu mehren oder um unter Beweis zu stellen, wie mutig, großzügig und kenntnisreich er ist, lädt er damit eher Sünden auf sich, als auf eine Belohnung hoffen zu dürfen. Man denke nur an das Hadith aus der Sammlung Ṣaḥīḥ el-Buḫārī, in dem drei unglückselige Männer dazu aufgefordert werden, vor Gott Rechenschaft abzulegen. Der erste zog ins Feld, um andere Menschen mit seiner Tapferkeit zu beeindrucken. Der zweite spendete für wohltätige Zwecke, um für seine Großzügigkeit geschätzt zu werden. Und der dritte bemühte sich nach Kräften, als großer Gelehrter bewundert zu werden. Für Menschen, die beim Verfassen von Artikeln und Büchern große Reden schwingen und sich an ihrer Redekunst berauschen, ist die Anerkennung ihrer Mitmenschen alles, was zählt; vor dem Wohlgefallen Gottes verschließen sie die Augen. Wer aus so simplen und verachtenswerten Motiven heraus handelt, ähnelt einem Ignoranten, der einen unbezahlbaren Edelstein aus den Händen gibt und gegen ein Stück Roheisen eintauscht. Wer sich hingegen darum bemüht, eine so unermesslich wertvolle Belohnung wie das Wohlgefallen Gottes zu erlangen, wird für seine Bemühungen ganz andere Früchte ernten dürfen.
Aufmerksame Betrachtung und Erkenntnisfähigkeit
Was nun den Begriff der aufmerksamen Betrachtung anbelangt, so geht es vor allem darum, zu lernen, auf welche Weise man die Dinge betrachten sollte. Zwischen Hinsehen und Erfassen besteht bekanntermaßen ein großer Unterschied. Wenn man sich etwas zwar mit offenen Augen, aber unaufmerksam und gedankenlos anschaut, wird man es kaum wirklich wahrnehmen können. Wer zum Beispiel geistesabwesend auf ein Bücherregal starrt, wird kaum registrieren, welche Bücher und Schriften darin stehen, welche Farben ihre Einbände haben und wie sie angeordnet sind, selbst wenn das Regal direkt vor ihm steht. Etwas wirklich zu erkennen, ist etwas völlig anderes, als es einfach nur vor sich zu sehen; etwas wirklich zu erkennen bedeutet, das Objekt, das man anschaut, zu erfassen und es sich bewusst zu machen.
Eine weitere Dimension der aufmerksamen Betrachtung betrifft die Frage, was man betrachtet und mit welcher Haltung man es betrachtet. Menschen zum Beispiel, die sich in ihren Betrachtungen ausschließlich an jenen Kriterien orientieren, die für den dreidimensionalen Raum gelten, können viele Dinge nicht sehen, gewahren und fühlen. Vor längerer Zeit kursierte einmal die Bemerkung eines Kosmonauten in den Medien, er sei über die Erde hinweggeflogen, habe aber keine Spur von Gott entdeckt. Der berühmte Dichter Necip Fazil beantwortete diese irrige Sichtweise mit den Worten: „Du Narr, wer hat dir denn erzählt, dass Gott ein Ballon im Weltraum ist!“ Wer versucht, den Allmächtigen, der jenseits von Zeit und Raum steht, wie einen materiellen Gegenstand im Himmel aufzuspüren, wird nie zur Wahrheit finden. Aus diesem Grunde sei betont, dass die Unfähigkeit zur aufmerksamen Betrachtung dem Glauben nicht weniger abträglich ist als Faktoren wie Arroganz, Fehlverhalten oder [blinde] Imitation der Vorfahren.
Auf der anderen Seite legt das ganze Sein auf jede nur erdenkliche Weise Zeugnis von der Existenz und Einheit Gottes ab. Bediuzzaman kleidet diese Wahrheit in seinem Werk Al-Mathnawi al-Nuri in folgende Worte:
„Denke darüber nach, welchen Linien das Universum folgt, sie sind Botschaften für dich vom höchsten Gremium.“
Eine materialistische, naturalistische und positivistische Sicht auf das Universum macht es unmöglich, die Stimme der Schöpfung zu hören, die den Schöpfer mit Millionen von Zungen lobpreist. Menschen, die das Universum aus einer solchen Perspektive betrachten, mögen es noch so akribisch untersuchen und noch so genau hinschauen – sie werden nichts erkennen, können nicht über die an der Oberfläche sichtbare Realität hinausschauen und argumentieren stets naturalistisch. Mit anderen Worten: Weil sie nicht wissen, was sie betrachten sollen und mit welcher Haltung sie die Dinge betrachten sollen, fällt es ihnen schwer, ihre Studiengegenstände bis zu ihrem wahren göttlichen Ursprung zurückzuverfolgen. Bediuzzaman präsentiert in einer imaginären Debatte mit dem Satan über den Koran einen Standpunkt, der für unser Thema wichtig ist. Er verweist darauf, dass jeder, der dem Koran Folge leistet, ihn auch gleichzeitig als Wort Gottes anerkennen muss. Denn wer ihn lediglich als einen Textkörper betrachtet, der aus menschlichen Worten besteht, würdigt ihn herab: von einem Buch aus dem Himmel zu einem simplen Schriftsatz. Es stimmt, der Koran ist tatsächlich das Wort Gottes, offenbart in verständlicher Form als Segen für die Menschheit. Doch um Gottes Botschaft aus dem Jenseits in ihrer ganzen Tiefe und Weite durchdringen zu können, muss man sie mit der richtigen Herangehensweise betrachten.
Ein ganzheitlicher Blick
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Notwendigkeit, die Schöpfung und die Phänomene in der Natur ganzheitlich zu betrachten. Eine solche ganzheitliche Betrachtungsweise darf auch als vervollkommnete Betrachtungsweise bezeichnet werden. Allerdings ist es nicht einfach, sich eine ganzheitliche Betrachtungsweise anzueignen, insbesondere dann nicht, wenn man über die äußere Welt nachdenkt. Aus diesem Grund schlägt Bediuzzaman vor, in der Reflexion (tefekkur) „tief in die eigene Innenwelt vorzustoßen und die äußere Welt aus ganzheitlicher Perspektive zu betrachten“. Das heißt, dass man sich selbst besser kennenlernen kann, wenn man sich im Licht der Medizin mit der eigenen Anatomie und Physiologie befasst, als wenn man auf andere Menschen schaut. Wenn man sich beispielsweise ganz bewusst vor Augen führt, welche Systeme im eigenen Körper aktiv sind, wird man wahrscheinlich erkennen, welch absolute Macht und welch unendliches Wissen sich hinter dieser wunderbaren Ordnung und ihrer schwindelerregenden Harmonie verbirgt. Wer auf diese Weise tief in die eigene Innenwelt eindringt und dem Herzen, der Seele und den anderen geheimnisvollen subtilen menschlichen Veranlagungen nachspürt, die unser spirituelles Wesen ausmachen – sirr (Mysterium), khafī (eine Veranlagung, die noch feinsinniger ist als das Mysterium), achfā (die feinfühligste aller Veranlagungen) –, wird hören können, was ihm sein Herz und seine Gefühle zu sagen haben, und realisieren, über welche Willenskraft er verfügt und was Gewahrsein wirklich bedeutet. Wer über sich selbst und seine physischen und metaphysischen Dimensionen (mulk und melekūt) nachdenkt und reflektiert, wird auf großartige und tiefgründige Wahrheiten stoßen. Im Hinblick auf das Universum wiederum gilt es, das Gesamtbild nicht aus dem Auge zu verlieren. Bediuzzaman zufolge ist Wissen, das in der äußeren Welt erworben wird, zwangsläufig von Zweifeln belastet – ganz im Gegensatz zu Erkenntnissen, die in der eigenen Innenwelt erworben werden; diese seien frei von Misstrauen und Argwohn. Somit sei es sinnvoll, vom Zentrum aus auf die Peripherie zu schauen, oder mit anderen Worten: von innen nach außen.
Es fällt den Menschen leichter, das Universum wie mit einem Fernglas durch ihre eigene Innenwelt zu betrachten, weil sie auf diese Weise erkennen, dass in der äußeren Welt die gleichen Gesetze gelten wie in der inneren Welt. Wer sich an diese Vorgehensweise hält, wird also zunächst die eigene Innenwelt ausloten, dann herausfinden, dass auch alle Systeme in der äußeren Welt von einer unendlichen göttlichen Macht abhängig sind und dass das große Buch namens Universum Seinen Regeln folgt, und schließlich die äußere Welt in ihrer Gesamtheit erfassen können.
[1] Nursi, Said, Al-Mathnawi al-Nuri, New Jersey 2007, S. 67.





